Quadriga Consort: On a cold winter’s day, Carpe Diem Records 2012
Daß ich einmal eine Weihnachts-CD produzieren würde, und dann auch noch für Carpe Diem, hätte ich bis vor relativ kurzer Zeit nicht gedacht. Ich stehe diesem Genre traditionell eher skeptisch gegenüber und verbinde das eher mit oberflächlichem Geklingel, gefühlsduseligem Konservenpop oder noch Schlimmerem. Man braucht ja nur mal bei Amazon Musik nach “Weihnachten” zu suchen. Da komme ich mir eher nicht vor wie im Paradies musikalischer Hochkultur.
Warum also eine Weihnachts-CD produzieren, fragte mich nun ein Journalist vollkommen zu Recht, von denen es ja nun wahrlich schon eine zumindest quantitativ überaus befriedigende Anzahl zu Kaufen, zu Verschenken und Wegzuwerfen gibt? Wer das Quadriga Consort kennt, hat darauf schon seine ganz eigene Antwort, nehme ich an. Da viele Menschen das leider (noch) nicht tun, lege ich hier auch die meine dar: So ein gut funktionierendes, harmonisches und menschlich überzeugendes Ensemble muß man erstmal finden. Hier geht es nicht um schnelle Karriere, Gagendiskussionen und Hierarchiekämpfe, sondern ganz schlicht um die Musik, so wie das eigentlich immer sein sollte. Hier wird die Musik wirklich gelebt und geliebt, und das spürt man jedem Einzelnen der sechs Musiker ab. Das gilt also auch für diese Weihnachts-CD: Hier handelt es sich nicht um eine schnelle Kommerznummer, sondern die Musiker lieben diese Lieder und Stücke so sehr, daß dieses Projekt einfach aufgenommen und einem breiten Publikum präsentiert werden musste. Das heißt ja nicht, daß niemand daran interessiert wäre, daß die CD auch gekauft wird (z.B. hier: www.carpediem-records.de), aber die Schönheit der Musik, die Überzeugtheit und Ehrlichkeit der Interpretation und, von meiner Seite, die adäquate und weder kitischige noch zu sachliche klangliche Darstellung eben dieser Interpretation standen hier eindeutig an erster Stelle. Schön, daß solche Produktionen ab und zu noch geschehen. Wenn diese Platte beim Hören so viel Spaß macht wie sie beim Produzieren schon gemacht hat, dann ist sie jedenfalls ein Erfolg.
Quadriga Consort Recording
Im Übrigen ist ja der Inhalt der CD auch nicht uninteressant: Es handelt sich um traditionelle keltische Weihnachts- und Winterlieder, die der Ensembleleiter Nikolaus Newerkla für sein Ensemble arrangiert hat. Ist das dann Alte Musik? Alt auf jeden Fall, neu aber auch, weil so noch nie gehört, und keltisch obendrein, was dem traditionellen Alte Musik – Veteran ein doch eher fremdes Gebiet ist. Schade eigentlich, denn diese Musik ist nicht schlechter als Vieles, was bedenkenlos als Kunstmusik anerkannt wird, und grade Musiker wie Turlough O’Carolan, ein Zeitgenosse Telemanns, sind gute Beispiele für die ganz enge Verknüpfung und Bekanntschaft von Kunst- und Volksmusik im 17. Jahrhundert. Von ihm gibt es auf dieser CD auch ein kleines Werk(chen).
Ich wünsche dem Quadriga Consort jedenfalls viel Erfolg mit diesem neuen Projekt, und kann jedem Leser nur empfehlen, die Band einmal live zu erleben. Hier noch ein kleines Livevideo für einen ersten Eindruck. Das ist das Titelstück der CD in einer Fassung von 2010:
Letzte Woche war ich auf der Classical:Next Convention in München, eine Fachmesse für Alle, die mit klassischer Musik zu tun haben. Mehr zufällig landete ich dort in einem sehr gut gemachten und gehaltenen Vortrag von Robert Douglass über sein Projekt “Open Goldberg Variations“. Dabei geht es in Kürze darum, daß über eine Crowdfunding-Plattform eine Aufnahme der Goldbergvariationen finanziert wurde, um diese dann frei (bzw. unter Creative Commons – Lizenz) im Netz verfügbar zu machen – für alle, für immer und kostenlos. Das wirkte auf mich im ersten Moment ziemlich spannend, gewagt und konsequent gedacht. Wenn sowieso niemand mehr für Musik bezahlt, wie die Muskindustrie allerorten beklagt, wenn die vielen halbkriminellen Halbwüchsigen ihre tägliche Portion Goldbergvariation sowieso illegal von russischen und philippinischen Downloadservern beziehen und Spotify den letzten ehrlichen Downloadstore in die Knie zwingt, erscheint es ja nur folgerichtig, die Musik von Anfang an kostenlos zu verteilen und kein wertvolles Budget für die erfolglose Verfolgung virtuellen Diebstahls geistigen Eigentums mehr zu verschwenden.
Das leuchtete mir also sofort ein. Außerdem scheint die tatsächliche Distribution und Rezeption dieses Projektes traumhafte Zahlen zu schreiben, von denen konventionelle klassische Musikbetriebe heute nur träumen können – allein in den ersten 5 Tagen wurde das Album über 60000 mal heruntergeladen. Damit erreicht die Pianistin Kimiko Ishizaka eine Präsenz in den privaten Musikbibliotheken, von denen die allermeisten Klaviervirtuosen, wenn nicht alle, des letzten Jahrhunderts nur träumen können.
Ist das nun also die Zukunft? Wird es in ein paar Jahren nur noch Projekte geben, die schon vor ihrer Veröffentlichung abschließend finanziert wurden, so daß sie bedenkenlos verteilt, kopiert, heruntergeladen, remixt, weiter- und wiederverwendet werden dürfen? Mit Sicherheit paßt dieses Konzept besser zu den Strukturen des Internet, wie es sich bis heute entwickelt hat, als alle bisherigen halbdurchdachten, unausgegorenen oder schlicht nicht funktionierenden Behelfskonstrukte, um in einem Raum, der von seinem Wesen her frei ist, Daten für Geld zu verkaufen. Aber: Paßt dieses Konzept auch zu der eigentlichen Zielgruppe, zu den Musikhörern, zu den Menschen? (Paßt das Internet zu den Menschen? Das ist ein anderes Thema).
Was will denn der Musikhörer, der Klassikliebhaber, der Goldberg-Variationen-Fanatiker? Das kann wohl jeder dieser Menschen, zu denen ich mich auch zähle, nur für sich selbst beantworten. Mir jedenfalls geht es nicht in erster Linie darum, daß eine Musik umsonst ist, sondern, daß sie gut ist. Grade überlege ich, ob es funktionieren würde, wenn jemand sämtliche Beatles-Songs covern und frei ins Netz stellen würde (abgesehen davon, daß das aus rechtlicher Sicht bei den Beatles erheblich schwieriger als bei J.S. Bach ist): Wären damit die gesamten originalen Beatles-Aufnahmen überflüssig? Würde dann niemand mehr das originale “Yesterday” anhören? Eher nicht? Richtig. Es geht in der Kunst eben um Kunstwerke, daran kommt man nicht vorbei. Und musikalische Kunstwerke werden zwar von Komponisten, aber eben auch von Musikern, von Interpreten geschaffen. Also ist eine Goldberg-Einspielung von Glenn Gould, von Andras Schiff oder Murray Perahia ein ganz eigenständiges Kunstwerk. “Die Goldberg-Variationen” gibt es nicht. Insofern gibt es auch keine “Open Goldberg-Variationen.” Es gibt nur die “Open Kimiko Ishizaka Goldberg Variationen”. Und ob man nun grade die haben und hören möchte, muß eben wieder jeder selbst wissen.
Über Interpretationen kann man vortrefflich streiten, da soll jeder sagen was er will. Jedenfalls war meine Reaktion auf das Hören von Frau Ishizakas Version, daß ich mir endlich einmal meine beiden Lieblingsaufnahmen, die 1982er Einspielung von Glenn Gould sowie die Aufnahme von Andras Schiff, auf CD zugelegt habe – für Geld, versteht sich. Das gebe ich dafür auch gerne aus, denn ich bekomme im Gegenzug fantastische Kunstwerke geliefert, die mir viel mehr geben, als ich gefühlt an Geldwert dafür bezahlt habe. Ich habe also im Grunde durch diesen Deal gewonnen, besitze mehr als vorher.
Mich würde schon interessieren, inwiefern das auch anderen Menschen so geht, und ob letztendlich das Open Goldberg-Projekt der etablierten Musikindustrie nur in die Hände spielt, indem das Interesse an deren (kostenpflichtigen, aber teils sehr guten) Produkten neu geweckt wird. Richtig spannend fände ich das “Open Gould Goldberg”-Projekt. Bin mir allerdings nicht sicher, was Sony davon hält…
Hier ein Video, das ich in Neuchatel (Schweiz) gedreht habe. Alina Rotaru spielt auf dem originalen Ruckers-Cembalo des “Musée d’art et d’histoire”. Ein fantastisches Instrument, gebaut 1623. Gefilmt wurde mit einer Canon EOS 550D. Das Video ist ein Promotion-Film zur CD “FROBERGER Suites & Toccatas” (Carpe Diem 2012).
Ein sehr schlichtes Video zu der CD “Lute music of the Netherlands” von Anthony Bailes (Carpe Diem Records 2012). Gefilmt wurde in der originalen Aufnahmekirche, in der auch die CD produziert wurde (St. Katharinen in Schönemoor, Deutschland).
Vor einigen Tagen ist die neue CD des italienischen Lautenisten Rosario Conte erschienen: “Piccinini” heißt sie und enthält Musik von Alessandro Piccinini und seinem Sohn für Erzlaute solo. Für die Aufnahme dieser CD war ich im August 2011 für eine Woche in Italien, in dem kleinen Städtchen Rovato, nicht weit vom Gardasee. Es ist ein seltsamer Kontrast, wenn ich jetzt, im eiskalten Januar hier in Bremen, wo der frostige Nordwind um die Häuser jagt und dünner Schnee auf Dächern und Wegen liegt, an diese Woche im August denke, die wohl die heißeste und sonnigste meines letzten Jahres war. Das Kloster von Rovato, in dem wir gearbeitet und gewohnt haben, liegt hoch erhoben über der Stadt auf einem malerischen Weinberg und besteht aus einer uralten romanischen Kirche sowie einigen Nebengebäuden mit einem malerischen Kreuzgang, das meiste davon noch im originalen historischen Zustand. Es leben dort noch fünf Mönche, alte und kluge Männer, die ihr Leben mit Gebet, Gartenarbeit und Gottesdiensten verbringen. In dem ganzen Konvent herrschte eine einzigartige Ruhe und Zufriedenheit, so als ob nicht nur die Mönche mit sich, sondern auch das Kloster mit den Mönchen und der Weinberg und Garten mit dem Kloster in völligem Einklang sich befänden. Als gestresster Reisender war für mich schon die Ankunft dort eine Wohltat, nachdem ich mich in der Stadt verlaufen hatte und Padre Renzo mich, sei es Intuition oder göttliche Weisung, mit seinem klapprigen Fiat zufällig in einer Gasse auflas und mir den Aufstieg auf den Weinberg zu Fuß über rauhes Kopfsteinpflaster ersparte…
Das Kloster von Rovato
Dementsprechend verlief unsere Aufnahme dort: Umgeben von Ruhe und Abgeschiedenheit, in keiner Minute gestresst und ganz fokussiert auf unsere Arbeit: Auf die Musik, das Instrument, den Klang und die menschliche Begegnung, die jede Aufnahmesession mit sich bringt. Fast einen ganzen Tag verbrachten wir damit, die verschiedenen Räume des Klosters zu erkunden. Rosario spielte seine Erzlaute in der großen Klosterkirche, in der dunkel-kühlen Krypta, im Refektorium und in verschiedenen anderen Räumlichkeiten. In einem einzigen Raum fingen wir wie zufällig eine ganz besondere Art von Klang ein – im Nachhinein würde ich eher sagen, daß dieser Klang uns einfing und uns gewissermaßen befahl, dort zu bleiben. Das Instrument entwickelte plötzlich eine Wolke oder Aura aus silbrig-glänzendem Ton, der uns alle sofort in den Bann zog. Mir war von Anfang an klar, daß dieser Klang alles andere als “Mainstream” wäre und wir uns damit einem gewissen Risiko aussetzten, für ein “unpassendes” Klangbild auf der fertigen CD kritisiert zu werden. Gleichzeitig war es uns völlig klar, daß wir nur diesen Klang haben wollten und eben keinen Mainstream, was auch immer das heißen mag. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich diese Entscheidung nicht als Toningenieur oder Produzent getroffen, sondern vielmehr als gewissermaßen bildender Künstler, der spontan mit dem Material oder der Farbe, die er in einem bestimmten Moment verwenden möchte, ein Werk gestaltet, das sich ihm innerlich aufdrängt und dem er Form und Gestalt geben muß, ohne Rücksicht darauf, was später damit geschehen soll, oder ob andere Menschen das Werk schätzen oder würdigen werden. (In die CD reinhören kann man hier: PICCININI)
Rosario Conte
Ich bin froh, solch einen Moment erwischt, und mehr noch, zugelassen zu haben. Das ist gar nicht so einfach. In der Regel sind wir (“wir” als Künstler?) einem solchen äußeren oder auch nur inneren Erwartungsdruck ausgesetzt, daß unsere Handlungen schon unbewußt sich an späterer Verwertbarkeit und Anerkennung ausrichten, damit aber letztendlich und in großem Rahmen gedacht grade dieser Anerkennung und Verwertbarkeit hinderlich sind, da sie uns von dem ursprünglichen Schaffensstrom abspalten und uns nicht in unserem vollen Potential uns entfalten lassen. Damit will ich nicht sagen, daß ich mit dieser Aufnahme mein volles Potential entfaltet habe, sicher hätte man das ein oder andere besser machen können – aber das Gefühl von der Freiheit des Schaffenden, das ich hier erlebt habe, läßt mich nicht los und macht mich auch heute noch glücklich, wenn ich daran denke. So möchte ich Tonkunst eigentlich erleben: Nicht als “Dokumentation” eines Geschehens: Schon der Begriff entfernt mich meilenweit von dem Inhalt meiner Arbeit – sondern als ein eigenständiges (und eigenverantwortliches!) Kunstwerk, das mit dem Werk des Musikers eine Symbiose eingeht und ein neues Bild, einen neuen Klang, eine neue Musik erschafft.
Diese CD-Aufnahme ist nicht eine Wiedergabe der Musik Piccininis, nicht des Spiels Rosario Contes, nicht des Klangs des Klosters – sie ist das alles und gleichzeitig noch mehr und noch etwas anderes. Das zu erfassen wünsche ich den Hörern dieser CD.
Nebenbei ist es aber auch wunderbare Musik, gespielt von einem fantastischen Musiker, der sich nicht scheut, seine Lebendigkeit und Emotionalität vollkommen natürlich und “geschmackvoll” in seine Kunst einfließen zu lassen, der sich an der unglaublichen Virtuosität und Geschmeidigkeit seines Spiels selbst so kindlich freuen kann und dabei so demütig dem Meister, dem er diese Kompositionen verdankt, huldigt. Ich bin sehr froh, mit Rosario arbeiten zu dürfen.
Zum Schluß gibt es noch ein Video, das wir auch dort in Rovato aufgenommen haben, und das auch wieder den einen begeistern, den anderen enttäuschen mag. Doch entscheidet selbst: