Rosario Conte: Piccinini

Vor einigen Tagen ist die neue CD des italienischen Lautenisten Rosario Conte erschienen: “Piccinini” heißt sie und enthält Musik von Alessandro Piccinini und seinem Sohn für Erzlaute solo. Für die Aufnahme dieser CD war ich im August 2011 für eine Woche in Italien, in dem kleinen Städtchen Rovato, nicht weit vom Gardasee. Es ist ein seltsamer Kontrast, wenn ich jetzt, im eiskalten Januar hier in Bremen, wo der frostige Nordwind um die Häuser jagt und dünner Schnee auf Dächern und Wegen liegt, an diese Woche im August denke, die wohl die heißeste und sonnigste meines letzten Jahres war. Das Kloster von Rovato, in dem wir gearbeitet und gewohnt haben, liegt hoch erhoben über der Stadt auf einem malerischen Weinberg und besteht aus einer uralten romanischen Kirche sowie einigen Nebengebäuden mit einem malerischen Kreuzgang, das meiste davon noch im originalen historischen Zustand. Es leben dort noch fünf Mönche, alte und kluge Männer, die ihr Leben mit Gebet, Gartenarbeit und Gottesdiensten verbringen. In dem ganzen Konvent herrschte eine einzigartige Ruhe und Zufriedenheit, so als ob nicht nur die Mönche mit sich, sondern auch das Kloster mit den Mönchen und der Weinberg und Garten mit dem Kloster in völligem Einklang sich befänden. Als gestresster Reisender war für mich schon die Ankunft dort eine Wohltat, nachdem ich mich in der Stadt verlaufen hatte und Padre Renzo mich, sei es Intuition oder göttliche Weisung, mit seinem klapprigen Fiat zufällig in einer Gasse auflas und mir den Aufstieg auf den Weinberg zu Fuß über rauhes Kopfsteinpflaster ersparte…

Das Kloster von Rovato

Dementsprechend verlief unsere Aufnahme dort: Umgeben von Ruhe und Abgeschiedenheit, in keiner Minute gestresst und ganz fokussiert auf unsere Arbeit: Auf die Musik, das Instrument, den Klang und die menschliche Begegnung, die jede Aufnahmesession mit sich bringt. Fast einen ganzen Tag verbrachten wir damit, die verschiedenen Räume des Klosters zu erkunden. Rosario spielte seine Erzlaute in der großen Klosterkirche, in der dunkel-kühlen Krypta, im Refektorium und in verschiedenen anderen Räumlichkeiten. In einem einzigen Raum fingen wir wie zufällig eine ganz besondere Art von Klang ein – im Nachhinein würde ich eher sagen, daß dieser Klang uns einfing und uns gewissermaßen befahl, dort zu bleiben. Das Instrument entwickelte plötzlich eine Wolke oder Aura aus silbrig-glänzendem Ton, der uns alle sofort in den Bann zog. Mir war von Anfang an klar, daß dieser Klang alles andere als “Mainstream” wäre und wir uns damit einem gewissen Risiko aussetzten, für ein “unpassendes” Klangbild auf der fertigen CD kritisiert zu werden. Gleichzeitig war es uns völlig klar, daß wir nur diesen Klang haben wollten und eben keinen Mainstream, was auch immer das heißen mag. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich diese Entscheidung nicht als Toningenieur oder Produzent getroffen, sondern vielmehr als gewissermaßen bildender Künstler, der spontan mit dem Material oder der Farbe, die er in einem bestimmten Moment verwenden möchte, ein Werk gestaltet, das sich ihm innerlich aufdrängt und dem er Form und Gestalt geben muß, ohne Rücksicht darauf, was später damit geschehen soll, oder ob andere Menschen das Werk schätzen oder würdigen werden. (In die CD reinhören kann man hier: PICCININI)

Rosario Conte

Ich bin froh, solch einen Moment erwischt, und mehr noch, zugelassen zu haben. Das ist gar nicht so einfach. In der Regel sind wir (“wir” als Künstler?) einem solchen äußeren oder auch nur inneren Erwartungsdruck ausgesetzt, daß unsere Handlungen schon unbewußt sich an späterer Verwertbarkeit und Anerkennung ausrichten, damit aber letztendlich und in großem Rahmen gedacht grade dieser Anerkennung und Verwertbarkeit hinderlich sind, da sie uns von dem ursprünglichen Schaffensstrom abspalten und uns nicht in unserem vollen Potential uns entfalten lassen. Damit will ich nicht sagen, daß ich mit dieser Aufnahme mein volles Potential entfaltet habe, sicher hätte man das ein oder andere besser machen können – aber das Gefühl von der Freiheit des Schaffenden, das ich hier erlebt habe, läßt mich nicht los und macht mich auch heute noch glücklich, wenn ich daran denke. So möchte ich Tonkunst eigentlich erleben: Nicht als “Dokumentation” eines Geschehens: Schon der Begriff entfernt mich meilenweit von dem Inhalt meiner Arbeit – sondern als ein eigenständiges (und eigenverantwortliches!) Kunstwerk, das mit dem Werk des Musikers eine Symbiose eingeht und ein neues Bild, einen neuen Klang, eine neue Musik erschafft.
Diese CD-Aufnahme ist nicht eine Wiedergabe der Musik Piccininis, nicht des Spiels Rosario Contes, nicht des Klangs des Klosters – sie ist das alles und gleichzeitig noch mehr und noch etwas anderes. Das zu erfassen wünsche ich den Hörern dieser CD.

Nebenbei ist es aber auch wunderbare Musik, gespielt von einem fantastischen Musiker, der sich nicht scheut, seine Lebendigkeit und Emotionalität vollkommen natürlich und “geschmackvoll” in seine Kunst einfließen zu lassen, der sich an der unglaublichen Virtuosität und Geschmeidigkeit seines Spiels selbst so kindlich freuen kann und dabei so demütig dem Meister, dem er diese Kompositionen verdankt, huldigt. Ich bin sehr froh, mit Rosario arbeiten zu dürfen.

Zum Schluß gibt es noch ein Video, das wir auch dort in Rovato aufgenommen haben, und das auch wieder den einen begeistern, den anderen enttäuschen mag. Doch entscheidet selbst:

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Noch ein Video: Michel Godard – Monteverdi

Im September erscheint bei Carpe Diem die neue CD von Michel Godard mit Steve Swallow, Guillemette Laurens und drei weiteren Musikern: “MONTEVERDI – a trace of grace”. Diese CD ist entgegen des Eindrucks, den ihr Titel auf den ersten Blick vermitteln mag, eher eine Jazz- als eine Alte Musik-CD, am wenigsten ist sie aber Crossover im klassischen Sinn, um hier einmal sämtliche mißverständliche musikstilistische Begriffe auf einen Haufen zu werfen. Es gibt Kompositionen von Michel Godard, von Steve Swallow und eben von Claudio Monteverdi, wobei Godard und Swallow gewissermaßen Reflektionen oder thematische Kontrapunkte zu Monteverdi entworfen haben und dadurch Monteverdi in einen neuen, aktuellen und gleichzeitig irgendwie zeitlosen Kontext rücken. Jedenfalls ein ungewöhnliches und spannendes Album, wie ich persönlich finde. Die Aufnahme haben wir Ende Mai 2011 in Noirlac in Zentralfrankreich gemacht, in einem wunderschönen alten Zisterzienserkloster. Von diesem Projekt gibt es auch ein Video, das ich zusammen mit Ionut Dipse gefilmt habe, es ist ein Track von der CD, die Location ist der originale Aufnahmeort der CD und so schaut es aus:

Wer sich weitergehend für die CD interessiert, findet z.B. Hörbeispiele hier: http://www.carpediem-records.de/de/MONTEVERDI-a-trace-of-grace

Viel Spaß beim Sehen & Hören, und ich freu mich über Meinungen und Feedback zu dieser Musik.

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Vicente Parrilla Video

Am 18. Juli 2011 erscheint eine neue CD, die ich produziert habe, auf Carpe Diem Records: “GLOSAS – Embellished Renaissance Music” des spanischen Ensembles MORE HISPANO unter der Leitung des Blockflötisten Vicente Parrilla. Die Aufnahme fand in einer unglaublich schön klingenden Kirche mitten in der Altstadt von Sevilla statt. Der Raum war unvermutet still, da die Kirche in der Fußgängerzone, hinter einem abgeschlossenen, lauschigen Innenhof (mit Brunnen und Orangenbäumen wie aus dem Reiseprospekt) liegt. Wir haben auch ein kleines Video zu dem Projekt gedreht, das man hier auf Youtube anschauen kann:

Das Video zeigt die tatsächliche Aufnahmesituation, man hört den Originalton ohne Kunsthall. Das Stück erscheint als letzte Nummer auf der CD. Ich mag daran vor allem die Natürlichkeit der Musiker und die Tatsache, daß sie völlig ohne Noten spielen. Dieses Stück (eine Passacaglia-Improvisation) entstand spontan am letzten Abend der Aufnahme, als die meisten der insg. neun beteiligten Musiker schon gegangen waren, und ist tatsächlich eine freie Improvisation, wie sie vielleicht auch im 17. Jahrhundert hätte erklingen können. Viel Spaß beim Sehen und Hören!

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Über Klarheit

Was ist Klarheit? Unter klarem Wasser kann ich mir etwas vorstellen, und es ist eine schöne Vorstellung. Klare Luft ist gesund und macht wach, und klare Augen schaut man gerne an. Was ist klare Musik?

Der Otto-Normaltonmeister denkt bei dem Wort Klarheit vermutlich zuerst an gewissermaßen technische Parameter von Musikaufnahmen. Das hat ja mit der Musik noch gar nichts zu tun. Mich interessiert heute nicht so sehr die Klarheit an Musikaufnahmen, die sich über Jitterwerte, Verzerrungen und Klirrfaktoren sowie über raumakustische Parameter beschreiben läßt, sondern die Klarheit der Musik, die wir (also ich, jedenfalls) aufnehmen, selbst.

Das hat einen einfachen Grund: Nicht, weil ich mich für die technische Umsetzung einer technisch gelungenen Tonaufnahme nicht interessieren würde – im Gegenteil. Sondern weil die Klarheit der Musik die Grundvoraussetzung für eine Klarheit in der Tonaufnahme darstellt. Das ist ja eine schlichte Erkenntnis, so wie die Grundvoraussetzung für ein gelungenes Farbfoto ist, daß da auch Farben zum Fotografieren sind.

Was ist nun Klarheit in der Musik? Das ist mir selbst sowie, den CD-Aufnahmen, die ich so höre, folgend, auch vielen Anderen, oft nicht sehr klar. Und genau diese Feststellung führt schon auf eine brauchbare Fährte: Ist denn dem Musiker, wie er dort so sitzt und musiziert, während wir so sitzen und ihn aufnehmen, eigentlich klar, was er da tut? Was tut er denn da? Spielt er Noten von einem Notenblatt, oder improvisiert, oder verziert, oder spielt einfach? Warum tut er das? Was ist ihm so wichtig, daß er die Mühe auf sich nimmt, ein Werk (oder gleich mehrere) einzustudieren, zu üben, zu proben, sich damit auseinanderzusetzen?

Manche (oder auch viele, das ist wohl ein klassischer Fall für die sog. Dunkelziffer, die wiederum nichts oder nur wenig mit dem Generalbassspiel zu tun hat) Musiker spielen eine CD ein, weil sie berühmt und erfolgreich werden möchten. Das ist ja an sich auch legitim und schön. Ich finde, jeder hat das Recht, berühmt und erfolgreich zu werden. Schade finde ich daran, dass die wenigsten Musiker, die aus diesem Grund CDs einspielen, das auch anderen gegenüber so darstellen. Man scheint sich dafür zu schämen. Das ist schon seltsam. Da tut ein Musiker etwas, was (zumindest unter Musikern) im Grunde jeder tut – denn schließlich lebt (Zur Zeit wohl eher: stirbt) eine ganze Industrie davon – , und redet sich lieber mit fadenscheinigen, wenn auch oft gut klingenden Argumenten um Kopf und Kragen, anstatt auszusprechen, was sowieso jeder weiß. Ich versuche ja auch nicht, wenn ich dringend zur Toilette muß, meinen Mitmenschen zu erklären daß ich da nur hin will um die Glühbirne auszuwechseln.
Mindestens ebenso durchsichtig (und im Grunde ebenso amüsant) sind manche Versuche von Musikern, die ich erlebt habe, ihre CD-Einspielung mit tiefen künstlerischen Einsichten, neuartigen Interpretationsansätzen, ungehörter Virtuosität oder dergleichen Argumenten zu verteidigen, die großteils nicht nur wirken, als seien sie aus der Marketingabteilung einer großen deutschen Plattenfirma mit Sitz in Hamburg entliehen, sondern das auch tatsächlich sind.

Zurück zum Thema: Wie soll man sich bei dieser psychischen Diskongruenz der künstlerischen Ziele (d.h. also: der Ziele des Künstlers!) denn eine Klarheit in der musikalischen Interpretation oder besser gesagt Wiedergabe vorstellen? Ich mag es, wenn Menschen ehrlich sind, und ich mag auch ehrliche Musiker. Ich möchte als Tonmeister nicht etwas aufnehmen, von dem ich schon weiß, daß es nicht das ist, was es vorgibt zu sein. Das ist überhaupt nicht interessant. Mich interessiert das, was ist, denn etwas anderes gibt es nicht. Mit dieser Einstellung bin ich schon öfter, als man das vielleicht erwarten würde, mit Musikern richtiggehend aneinander geraten. Es ist erstaunlich, wie viele Musiker im Grunde gar nicht möchten, daß man sie auf einer CD hört. Sie wollen, daß dort etwas erklingt, von dem sie gerne hätten, daß sie es wären. Das tut es aber nicht. Um diesen Widerspruch aufzulösen oder wenigstens zu mildern, gibt es inzwischen eine ganze Reihe von teils beeindruckenden tontechnischen Werkzeugen, deren Herstellung und Verwendung unter dem Begriff “Postproduction” auch schon wieder eine ganze Industrie erschaffen hat (und die stirbt nicht!). Hier geht es also nicht um das Erreichen eines künstlerischen Zieles, sondern um das Schaffen einer Kompromisslösung zwischen dem Ego und dem Selbst des Künstlers. Da das Selbst des Künstlers den meisten Menschen (einschließlich des Künstlers selbst) natürlich noch viel weniger bekannt ist als sein Ego, kann mit diesem Kompromiss, der irgendetwas völlig Abstraktes und praktisch eigentlich Unbrauchbares darstellt, welches weder den Künster noch seine Idee von sich selbst darstellen kann, leider niemand wirklich etwas anfangen. Trotzdem ist dieser Kompromiss das, was wir in aller Regel hören, wenn wir das Radio einschalten oder eine CD einlegen. Wir bezahlen sogar Geld dafür. Ob das gut angelegt ist?

Klarheit in der Musik beginnt mit der Klarheit des Musikers beginnt mit der Klarheit des Menschen über sich selbst. Wo diese Anforderung nicht gegeben ist, wird man niemals eine CD-Aufnahme zustande bringen, die den Titel “Klar” wirklich verdient. Letztendlich habe ich den Eindruck, daß daran die Plattenindustrie auch krankt: So blöd ist der Konsument auf Dauer und in der gesellschaftlichen Breite eben doch nicht, daß er sich Geschichten verkaufen läßt, die nichts erzählen, Bilder, die nichts zeigen und Töne, die nichts bedeuten. Ein Ton der etwas be-deutet ist ja ein Ton, der eine Deutung auf eine Sache legt, der also einen Sachverhalt erklärt oder erläutert. Was aber soll er deuten, wenn die Sache, die er bedeutet, nur der Versuch des Musikers ist, etwas zu sein was er gerne wäre aber nicht ist? Und wer soll das bitteschön kaufen und wieso?

Ich freue mich über jede bedeutsame CD, die ich in den Händen halte. Immer mal wieder tauchen solche kleinen Edelsteine auf. Edelsteine sind ja auch klar. Das macht sie so wertvoll. Es ist so leicht, wertvolle Musik zu schaffen. Der Musiker bräuchte nur seine Angst vor sich selbst abzulegen, seine Angst davor, zu sein, wie er ist. Klarheit stellt sich ganz von alleine ein, wenn wir sie geschehen lassen. Wir müssen dafür nichts tun, nur unterlassen, uns selbst im Weg zu stehen. – Es gibt sie ja doch, die bedeutsamen Töne, die Musiker, die Geschichten erzählen und Bilder malen, die klaren und wertvollen Momente. Was für ein Glück.

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Engels Liedt (oder: Wie man ein Gespenst in Stereo aufnimmt)

Gestern haben wir bei Carpe Diem eine neue CD veröffentlicht. Sie heißt “Engels Liedt” (mit “dt” am Ende!) und es spielt darauf der Blockflötist Gerald Stempfel. Was er spielt, sind im wesentlichen Werke von Jacob van Eyck, dem blinden niederländischen Glocken- und Flötenspieler, der von 1590 bis 1657 lebte und von der Stadt Utrecht angestellt wurde, auf dem Jankeerkshof (einem Friedhof) für die Spaziergänger und Passanten Flöte zu spielen.

Für mich ist das eine ganz wunderbare CD, und gleich aus mehreren Gründen, deswegen möchte ich das hier gerne mitteilen.

“Engels Liedt” entstand sehr spontan und in einer einzigen Aufnahme-Nacht in einer großen, wunderschönen Klosterkirche in einem kleinen, abgelegenen Dorf in Süddeutschland. Mit dem Soundcheck begannen wir in der Dämmerung des frühen Abends, und als der letzte Ton der Aufnahme verklang, war es draußen schon wieder hell. Wie von selbst und gleichzeitig vollkommen zufällig entstand durch die Dichte der Zeit, des Ortes und der Zusammenarbeit zwischen Gerald Stempfel, dem Flötisten, Johannes Wallbrecher, meinem Tonmeisterkollegen und mir eine Aufnahme, die nun in ihrem fertigen Zustand klingt wie geplant und von langer Hand konzipiert, obgleich das Gegenteil der Fall war.

Gerald Stempfel baut viele seiner Flöten selbst und hatte in jener Nacht ein ganzes Sammelsurium an Instrumenten in allen Größen, Formen und Farben dabei. Wir entschieden über das jeweils zum Stück passende Instrument spontan, wechselten manchmal mitten im Stück die Flöte und ließen uns dabei von der Musik, der Interpretation und unseren freien Assoziationen leiten. Gerald spielte in einer kleinen Seitenkapelle der Kirche, vor dem Sarkophag eines Ritters, der wohl der Ordensgründer des Kloster gewesen war. Als Beleuchtung diente eine Wachskerze auf dem steinernen Sarg. Wenige Meter um unseren Aufnahmeplatz herum versank die Kirche in tiefe Dunkelheit.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht waren wir mit der Aufnahme des Stückes “Engels Liedt” beschäftigt. Gerald versuchte, eine Intonationsschwäche seiner Flöte mit flüssigem Wachs zu beheben. Leider mißlang der Versuch, die Flöte wurde unspielbar. Spontan entschieden wir uns, das Stück auf der gleichen Flöte, allerdings nur mit Fingerklopfgeräuschen auf den Grifflöchern umzusetzen. Es entstand eine leicht morbide Umdeutung des Engelsliedes in einen klappernden Totentanz, der lebendige Atem des Flötentons wich dem fahlen, im wahrsten Sinne des Wortes hohlen Klang des gestorbenen Instruments. Der tote Ritter im Hintergrund komplettierte das Bild.
Dann war es kurz vor Mitternacht. Angeregt durch unsere okkultistischen Klangexperimente lag nichts näher, als nun auch die Mitternachtsglocken der einsamen Klosterkirche aufzunehmen.  Die letzten 5 Minuten vor dem Einsetzen der Glocke habe ich allein in der leeren Kirche verbracht. Von nächtlicher Stille allerdings keine Spur: In der dunkelsten Stunde der Nacht schien die Kirche plötzlich lebendig zu werden. Das Gebälk knackte hier und da, aus dunklen Ecken schien etwas zu rieseln, und auf der Treppe zur Empore, die im Finstern lag, wurden Geräusche wie rostige Schritte vernehmbar. Ob wir den alten Ritter mit unserer nekromantischen Tonmeisterei erweckt hatten, ob die Klostermäuse ihren traditionellen Mitternachtshokuspokus veranstalteten oder sich unsere Imaginationskraft bloß so ungehemmt entfaltet hatte, daß sie sich in der Realität des Ortes  manifestieren konnte, kann ich im Rückblick nicht mehr sagen. Jedenfalls existiert die Aufnahme dieser geschäftigen, wie von den Toten mit Leben (!) erfüllten 5 Minuten nach wie vor und belegt meine Eindrücke von damals erstaunlich deutlich.
Dann erklangen die Glocken, schlugen ihre zwölf Schläge und hinterließen eine vollkommene Stille, als hätten sie die aufgestaute, im Kirchenschiff angesammelte Energie mit ihren Schlägen zerteilt, aufgelöst und zu innerem Frieden zurückgebracht. Die körperlose Angst, die ich kurz zuvor noch wie einen Teppich, der sich über Steine, Holzbänke und Säulen zog, wahrnehmen konnte, verfloß, sickerte durch die Steinritzen davon und ließ eine fast pragmatisch anmutende, ereignislose Nachtstille zurück. Wir kehrten an die Arbeit zurück und nahmen das Stück noch einmal auf, diesmal mit einer anderen Flöte. Auf der CD haben wir sowohl beide Fassungen, als auch die Mitternachtsglocken und einige Sekunden der Geisterstimmung untergebracht.

Was ansonsten in dieser Nacht geschah, sollte man besser hören als lesen – erwähnenswert sind wohl noch eine ungeschnitte (!) 10-Minuten-Fassung der Lachrymae-Pavane, das schnellste Gemshorn der Welt und die erste Van Eyck – Interpretation auf Einhandflöte und Trommel.

In Erinnerung bleibt mir vor allem die Erkenntnis, daß die letztendliche Qualität einer Aufnahme, ihr Zauber und ihre Existenzwichtigkeit selten oder nie geplant, noch viel weniger erzwungen werden können. Hier zeigt sich die Tonmeisterei als Kunst im ursprünglichen Sinn: Als Magie des Augenblicks, die sich entfaltet und aufblüht, wenn wir aufhören, ihrem Wirken im Wege zu stehen, wenn wir unsere Intentionen und Vorstellungen zur Seite nehmen und der Inspiration, und sei es nur ein klein wenig, Platz schaffen. Vielleicht wird man durch solch eine Arbeit gläubig, woran auch immer. Wenn nur irgendjemand durch diese Aufnahme einen Funken der Wirklichkeit hinter unserer begrenzten menschlichen Vorstellungskraft aufblitzen zu sehen vermag, hat sich die Investition für mich schon gelohnt. Dann wird unsere Welt ein Stückchen besser und schöner, und dafür arbeite und lebe ich.

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Musik ist ein Kompromiss

Ich war in einem Konzert für Alte Musik. Dass es Alte Musik gab, ist hier gar nicht so entscheidend. Es war auch gar kein schlechtes Konzert, jedenfalls würden die meisten Leute, die da waren, das nicht sagen, vermute ich. Sie haben nach den Stücken Beifall geklatscht, und niemand ist früher gegangen. Ich war mal auf einem Konzert, da waren die Musiker auf der Bühne sich so unsicher über das, was sie taten, dass es weder ihnen noch dem Publikum klar war, wann das Stück denn zu Ende sei. Da hat dann niemand geklatscht, und das würde ich als schlecht bezeichnen. Also schlecht war das Konzert nicht. Schlecht waren auch die Musiker nicht.

Mich beschäftigt es, wenn Menschen ihre Potentiale nicht sehen und nicht nutzen. Ich kenne so wenige Musiker, die mir den Eindruck vermitteln, dass sie auch nur den Hauch einer Ahnung davon haben, was sie eigentlich tun, wenn sie musizieren. Was ist denn Musizieren? Sicher nicht die Fingerbewegungen der Spielenden. Die Finger bewege ich auch, um diesen Text zu schreiben. Ist es das Hervorbringen von Tönen? Das schafft mein Teekessel auch. Das Begeistern von Publikum? Dann lieber ins Fußballstadion. Und wenn keiner dieser einzelnen Aspekte etwas mit Musik und Musizieren zu tun hat, wieso nennt man die Summe all dessen so sorglos “Musik” oder gar “Kunst”? Ist hier nicht wieder der Wunsch der Vater des Gedanken und der Begriff “Musik” ein Deckmantel für die Unfähigkeit des Musikers, sich Klarheit über Grund und Legitimation seines Tuns und Seins zu verschaffen?

Musik machen ist nicht so leicht, wie die meisten Musiker denken. Musik ist, wie oben erläutert, nicht etwas, was man tut, und schon gar nicht etwas, was sich einstellt, wenn man bestimmte Tasten drückt, Saiten zupft, Löcher zuhält oder hier und dort hineinbläst. Da stellt sich überhaupt nichts ein außer im allerbesten Fall nach einiger Zeit der Frust darüber, dass ich als Musiker nicht das zu erreichen scheine, was mir, als Kind und Träumender, vielleicht einmal vorschwebte, dass mein Tun vielleicht mit meinem Traum nicht das Geringste zu tun hat. Sofern ich den Traum je gehabt habe.

Mich schmerzt nicht, dass Musiker ihren Traum nicht erreichen. Das ist vollkommen natürlich und nicht zu ändern. Der Traum ist nie erreichbar. Musik in dieser Welt ist immer ein Kompromiss. Musik als das Phänomen, das uns bewegt, das uns eine numinose Ahnung von der Unvollständigkeit unseres Denkens, ja unserer ganzen Realität vermittelt, als das Phänomen, das einen Menschen in einer einzigen Begegnung dazu bewegen kann, sein ganzes Leben dem Nachspüren dieser Erfahrung zu widmen und damit Musiker zu werden – das kann ein Mensch nicht erschöpfend erfassen, und schon gar nicht erschöpfend darstellen. Wer von sich behauptet, eben dies zu tun, versucht damit in aller Regel bloß zu verbergen, wie wenig er von der Sache an sich verstanden hat. Aus Angst, von anderen falsch bewertet zu werden, bewertet er sich selbst falsch und stellt seine Selbstbewertung zur Schau. Hieraus spricht nie künstlerische Weisheit, aber oft Existenzangst.

Was mich schmerzt, ist die Erfahrung, dass den meisten Musikern diese Zusammenhänge gar nicht bewußt sind. Das Problem ist nicht, dass niemand das Ziel erreicht, sondern dass es niemand auch nur zu erreichen versucht. Der Sinn des Musizierens so wie der Sinn jeder menschlichen Entwicklung kann ja niemals im Ziel liegen, da das Ziel das Ende der Entwicklung ist. Das Ziel des Musizierens, und damit das (Lebens-) ziel des Musikers ist ein sehr Großes, sehr Schönes, und sehr Furchterregendes. Es ist so groß, dass es im Grunde noch kein Mensch auch nur zu beschreiben vermocht hat, und das ist auch gut so. Wir müssen es nicht beschreiben. Wir müssen nicht wissen, was es ist. Für unser Tun ist das völlig unerheblich. Bei mir selbst und bei Anderen stelle ich oft eine große Angst vor diesem Ziel fest. Die Angst rührt eben von der Unbeschreiblichkeit. Wir lassen uns nicht gern auf Dinge ein, die größer sind als unser Vorstellungsvermögen. Deshalb gibt es ja Religionen, um die Götter auf ein menschenfassbares Format zurecht zu stutzen. Statt sich mit den wirklichen Göttern auseinander zu setzen, schafft der Mensch lieber Götzen mit Bart und Bauch. Statt sich mit der wirklichen Musik auseinander zu setzen, schafft der Musiker sich lieber eigene Ziele und Ideale, die er mit verhältnismäßig geringem Aufwand erreichen und sich so von dem beunruhigenden Zwang nach der ewigen Suche befreien kann. Aber warum? Welche Angst liegt denn in diesem Handeln verborgen? Die Angst vor dem Versagen, oder vielmehr die Angst vor dem eigenen Potential? Warum schneiden wir uns von der strahlend-urgewaltigen Erfahrung des Wunders, das wir Musik nennen, ab und erschaffen unsere eigenen kleinen, überschaubaren, langweiligen Parallelwelten? Warum drücken wir diese selbstgebastelten Kartonwelten dann auch noch unserer Umwelt aufs Auge und nennen das “Konzert”, nehmen womöglich noch Geld dafür?

Das Ergebnis dieses Handelns jedenfalls kann leicht hinterfragt werden. Die Parallelwelt, die der Musiker sich schafft, ist nur von ihm selbst definiert und daher im Prinzip für niemand anders verständlich, höchstens zufällig. Sie ist auch nicht mit der Realität der Musik als grundlegend den Menschen betreffend verknüpft, und trifft auch diese höchstens zufällig. Diese zufälligen Momente nennen wir dann schon “magisch” und gehen beglückt nach Hause, wenn wir sie im Konzert wahrnehmen durften. Wie arm das doch ist. Durch seine fehlende Anbindung, letztendlich seine fehlende Ehrlichkeit wird der Musiker nie offen sein können für ursprüngliche Inspiration. Da er stets damit beschäftigt ist, den Karton seines Kunstverständnisses zusammen zu halten, kann er keinen Moment entspannen, nicht loslassen und gibt der Inspiration keine Chance, ihn zu durchfließen. Da er ständig auf die Noten blickt, kann er die Musik nicht sehen. Warum verschließt sich der Musiker so routiniert und selbstverständlich vor der größten und schönsten Inspirationquelle, die er hat? Warum nutzt er nicht das gewaltige Potential, das vor ihm ausgebreitet liegt, und vertraut stattdessen auf seine private Armseligkeit? Aus dieser Entscheidung entsteht Angstherrschaft. Der erste Fehler ist, sich zu verschließen. Der Zweite, sich den ersten Fehler nicht einzugestehen. So entwickelt sich eine Zwangsspirale von Ängsten, die stets ineinander greifen. Das Auflösen der Spirale wird immer schwerer. Hier vollzieht sich im Kleinen, was in der Politik im Großen geschieht. Eine Regierung, die auf dem Verneinen von Freiheit gegründet ist, kann sich nur durch Anwendung von Gewalt erhalten, und für die Legitimation der Gewalt ist wieder Gewalt nötig. So zerstört sie sich auf Dauer selbst. Das Gleiche macht der Musiker, der gegen sich selbst Gewalt anwendet, sich selbst gegenüber unehrlich ist.

Ich wünsche mir Musiker, die sich darüber im Klaren sind, daß sie nicht perfekt sind, und die vor dieser Erkenntnis keine Angst haben. Ich wünsche mir Menschen, die sich bewußt und mutig in den gewaltigen Strom von Emotionen und Erkenntnissen stellen, der von der Musik so unerschöpflich und wahnsinnig reichhaltig zur Verfügung gestellt wird. Dort ist der Platz eines ehrlichen Musikers, eines Menschen, der seine Aufgabe und sein Talent lebt. Von dort kann er seinem Publikum Schönes, Großes und Relevantes zukommen lassen, ohne sich je zu erschöpfen. Der Schritt durch den Vorhang der Unehrlichkeit vor uns selbst ist klein, und doch öffnet er eine neue Welt, die zugleich so alt ist, daß jeder sie unmittelbar und unzweifelhaft als wahr und gut annehmen kann. Diese Erfahrung wünsche ich den Menschen, die sich Musiker nennen, und dies ist, was ich Musizieren nenne.

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Natürlicher Klang

Immer wieder läuft mir, in der Begegnung mit Hobbymusikern wie mit Profis der Musikproduktion, der Begriff vom “natürlichen Klang” über den Weg. Natürlichkeit scheint das Klangideal des klassischen Tonmeisters zu sein. Auf jedem Werbeblatt und jeder Internetseite klassisch spezialisierter Musikproduktionsfirmen findet man diesen Begriff, und nahezu jeder Tonmeister behauptet von sich, einen möglichst natürlichen Klang anzustreben.

Es ist spannend, sich verschiedene Aufnahmen anzuhören, die alle den Anspruch von natürlichem Klang haben. Die riesigen Unterschiede im hörbaren Klang weisen deutlich darauf hin, dass es sich hier um einen Begriff handelt, über den in der Praxis ebensowenig Konsens wie in der Werbesprache der Tonmeister Einigkeit herrscht. Alle reden vom Gleichen, während sie vollkommen unterschiedliche Dinge daraus schließen. Fragt man nun auch noch Nicht-Tonmeister nach ihrer Einschätzung der oben genannten Aufnahmen, kommt man vermutlich zu Aussagen, die sich nicht einmal mit den widersprüchlichen Sätzen der Tonmeister decken und damit selbst den professionellen Dissenz in Frage stellen.

Was meint der Mensch, wenn er von natürlichem Klang spricht? Der Musiker meint u.U. damit, sein Instrument auf der Aufnahme so zu hören, wie er es beim Spielen hört. Da die meisten Musiker beim Spielen im Verhältnis zu ihrem Instrument dort sitzen, wo kein Zuhörer freiwillig sich platzieren würde, stehen sie mit dieser Einschätzung meist vollkommen alleine da – selbst der Geiger nebenan möchte den Kontrabass nicht aus der Perspektive des Kontrabassisten hören.
Der engagierte Konzertbesucher assoziiert mit Natürlichkeit möglicherweise seinen Höreindruck aus den Konzertsälen und Kirchen, die er kennt – uneingedenk der Tatsache, dass er statistisch gesehen in den meisten seiner Konzerte an akustisch ziemlich ungeeigneten Stellen saß und in erster Linie von der Atmosphäre des Ortes, der Spannung des Live-Momentes und der Erscheinung der Sopranistin beeindruckt war. Dieses vollkommen subjektive Erleben entzieht sich also auch wieder jeder brauchbaren Übertragbarkeit in eine allgemeine Begriffsdefinition (sowie der Übertragbarkeit auf eine Tonaufnahme!).
Der Tonmeister schließlich betrachtet Natürlichkeit in vielen Fällen als ein Zustandekommen von klanglichen Parametern, von denen er (wo auch immer) gelernt hat, dass sie in der spezifischen Situation eben einen natürlichen Klang erschaffen. So hat die Aufnahme einer Violine im Konzertsaal eine bestimmte akustische Distanz zum Hörer, ein bestimmtes Maß an Hall und einen bestimmten Frequenzgang aufzuweisen, um als natürlich abgebildet gelten zu dürfen. Wem die entsprechende tonmeisterliche Vorbildung fehlt, dem bleibt das Verständnis zu diesem Zugang (zu recht!) oftmals verschlossen.

Nun stelle man sich einmal den Musiker, den Hörer und den Tonmeister vor, wie sie über die Natürlichkeit einer Aufnahme diskutieren. Natürlich ist dabei nur, dass sie niemals zu einer Einigung kommen werden. Ich halte diesen Begriff in diesem Zusammenhang für ziemlichen Bullshit. Der Klang einer CD-Aufnahme ist niemals natürlich. Die Bedeutung des Wortes hat ja nun mit Natur zu tun, also mit Ursprünglichkeit, mit einem nicht-verarbeiteten und unverfälschten Wesen der Dinge. Der Klang eines Wassertropfens, der in einen Teich fällt, ist möglicherweise natürlich. Eine Fotografie, eine Tonaufnahme, ein Gedicht, das den Tropfen beschreibt, kann unmöglich die Natürlichkeit des Wassertropfens haben. Sie kann sie beschreiben, sie kann den Vorgang zu einem bestimmten Zeitpunkt aus einem bestimmten Blick- und Verständniswinkel dokumentieren. Diese Dokumentation kann dann jemand anders, zu einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort, betrachten, hören oder lesen – dann geschieht aber etwas vollkommen Neues, der Moment des Sehens oder Hörens ist wieder natürlich, bezieht sich aber längst nicht mehr auf den Wassertropfen.

Eine CD-Aufnahme ist in diesem Sinne vergleichbar mit einer Fotografie, einem Bild oder Gedicht. Sie ist niemals das Ereignis, welches sie darstellt. Sie ist, in dem sie ein Ereignis aus einer bestimmten Perspektive darstellt, in dem Moment ihres Erklingens ein Kunstwerk, das ebenso wie die ursprünglich gespielte Musik nur in diesem Moment, nur für den anwesenden Hörer, nur an dem Ort ihres Erklingens den Anspruch von Natürlichkeit oder Authentizität haben kann. In diesem Sinne ist der Klang der Aufnahme, die Menge an hörbarem Hall, der Klang der Instrumente überhaupt nicht relevant für ihre Natürlichkeit. Für den Tonmeister und seine tägliche Arbeit ist das ein großer Befreiungsschlag: Natürlich ist jedenfalls nicht, wenn ich versuche, bestimmten Regeln zu folgen, auf bestimmte Meinungen zu hören oder mir bestimmte eigene Meinungen zu bilden, an die ich mich dann wiederum regelgleich halte. Natürlich ist, was ich tue. Natürlich ist, wie ich bin, wenn ich nicht versuche, anders zu sein – was auch immer das beinhaltet. Daher ist ein natürliches Klangbild, wenn man den Begriff als Solchen schon retten möchte, das, was entsteht, wenn ich eine Aufnahme mache, die nicht von externen Meinungen und Vorstellungen, welche nie zu der vorliegenden Situation entworfen wurden, belegt, blockiert und gefärbt ist. Hier trifft Tonmeisterei auf Freie Kunst. Die Erkenntnis, daß ein frei geschaffenes Werk eine um Welten höhere Künstlerische Relevanz hat als ein Werbeprospekt aus der Designagentur, ist im Bild- und Textbereich schon lange selbstverständlich. Im Bereich des Tonschaffens begegnet mir diesbezüglich immer wieder ein erschreckendes Unbewußtsein.

Die Vorstellung, mit einer CD-Aufnahme das Kunstwerk eines Musikers oder gar eines Komponisten unverfälscht (natürlich!) wiederzugeben, ist daher in jeder Hinsicht ein hoffnungsloses Unterfangen. Das Einzige, was eine CD-Aufnahme wiedergeben kann, ist die CD-Aufnahme selbst. Es gibt einen natürlichen Klang. Bloß wird der Hörer diesen auf der von ihm für teures Geld erworbenen Aufnahme grundsätzlich vergeblich suchen. Er kann ihn bloß erleben, wenn er sich von der Suche befreit, sich zurücklehnt und die Aufnahme auf seiner eigenen Stereoanlage, in seiner eigenen Wohnung, in seiner momentanen Gemütsverfassung, mitsamt dem um diese Uhrzeit üblichen Straßenlärm und mitsamt seiner gesamten persönlichenen Erfahrungen, Neigungen und Eigenschaften wahrnimmt. Hat er Glück und eine tatsächlich gute Aufnahme gekauft, wird dieser Moment für ihn zu einer Erfahrung, die seinen menschlichen Horizont erweitern und ihn für die Kunst und Magie von Klang und Musik weiter sensibilisieren kann. Dann hat er einen Schritt auf dem Weg zu sich selbst gemacht. Niemand kann Natürlichkeit festhalten. Man kann sie nur erfahren.

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