Tonmeistertagung

Am letzten Wochenende war ich auf der Tonmeistertagung in Leipzig, von Donnerstag bis Sonntag. Ein beeindruckendes Event: Die Leipziger Messe, riesige Säle und Hallen, in denen sich, ich weiß nicht wieviele, Menschen tummeln, ein Großteil davon sogenanntes Fachpublikum – Tonmeister, Ingenieure, Entwickler von hochkomplexen Geräten und Software mit fast magischen Fähigkeiten, Akustiker, die Hallgeräte, fantastisch teure Konzerthallen oder das MP3 erfunden haben, Studiobesitzer, die sich zu Testzwecken Mischpulte für 2 Millionen Euro anfertigen lassen, und noch viele Andere, von denen ich in der Kürze der Zeit und der Weite der Örtlichkeit nichts mitbekommen habe.

Kurzum: Ein Mekka der audiophilen Techniker und Veranstalter, ein Showcase der (inzwischen) digitalen Welt der unbegrenzten Bandbreiten. Irgendwann zwischen Kaffee, 9.1.-Surround und Diskussionen über Upmix-Controller (Ich weiß auch nicht, was so jemand – oder etwas – macht) fiel mir wieder der Name dieser Veranstaltung ein. Tonmeister-Tagung. Was ist denn das, ein Tonmeister, und was macht der?

Also die Frage, die sich mir, das Geschehen betrachtend, heimlich beschlich, ist mal wieder die nach dem Sinn und Zweck des Ganzen. Der Beruf des Tonmeisters wurde ja einmal geschaffen (so erzählt man), um gespielte Musik über diverse Medien einem potentiellen Zuhörer zugänglich zu machen. Erfahrbar zu machen. Also es ging da mal um Kunst. Ich finde jedenfalls, Musik ist Kunst oder kann zumindest welche sein.

Nun geht es ja der Kunst in Deutschland und überhaupt sehr schlecht, wie man aus den Nachrichten immer wieder erfährt. Förderungen werden gestrichen, öffentliche Gelder gekürzt, und seit der Wirtschaftskrise (welcher genau, wird nicht spezifiziert) kauft der Normalverbraucher sowieso keine CDs mehr. Demnach wäre zu erwarten, daß der Markt der Tonmeisterszene im gleichen Maße in die Knie geht, sich verkleiner, zurückzieht, der wirtschaftlichen Lage anpasst. Tut er das nicht? In Leipzig wirkte es nicht so. Aber warum? Warum kann der Tonmeister es sich leisten, Kunst zu machen und zu vermarkten, während der Musiker und erst Recht der Musikkäufer sich angeblich längst aus dem Rennen verabschiedet haben? Wie kann es sein, dass das Medium ohne Sender und Empfänger noch immer steht und funktioniert?

Der schleichende Wandel im Musikgeschäft findet offenbar nicht dort statt, wo wir ihn vermuten. Zumindest nicht nur. Das ist ja das Phänomenale an unserem liberalen Wirtschaftssystem, dass es nicht an Inhalten, sondern an Profit orientiert ist. In dem Maße, wie sich die Wirtschaft von den Inhalten ihrer Produktionsgegenstände unabhängig macht, wird sie auch von dem Erfolg oder Misserfolg der durch diese definierten Wirtschaftszweige unabhängig. Eine berechtigte Frage tut sich auf: Was verkaufen die denn dann? Also wenn Kartoffeln nicht mehr gehen, verkaufe ich Möhren, das Ladengeschäft bleibt das Gleiche, die Tüten auch, der Profit auch, das Produkt wechselt. Wenn Musik als Kunst nicht mehr geht, was verkaufe ich dann? Man muss ja nur mal die Augen aufmachen in der Leipziger Messe, da steht ja alles Mögliche rum, nur eben keine Musik, kein Musiker und kein Musikhörer. Verkauft wird hier Prestige, Kontinuität, Werbung. Wer glaubt, etwas haben zu müssen, ist der ideale Kunde, nicht, wer tatsächlich etwas haben muss. Musik als Ware, das ist ja ein alter, wenn auch berechtigter Vorwurf, das Problem hatten schon Bach und Telemann, aber Musik als Mittel zur Erfüllung von vorgespiegelten Bedürfnissen, das finde ich schon raffiniert. Das ist auch wirklich toll: Die Musik ist total austauschbar. Das macht sie ja viel billiger in der Produktion. Ich brauche ja im Grunde nur noch ein einziges Musikstück, das ich dann nur noch auf die benötigte Länge zuschneiden muss, um meine neuen Lautsprecher, mein Mischpult, meine Software vorzustellen. Manche Tonmeister sind da sogar noch konsequenter und verwenden Rauschsignale, die sind immer schön gleichmäßig, machen keine Probleme und leuchten die Fähigkeiten und Besonderheiten meiner Hardware bis zur Grenze des Erfahrbaren aus. So gut schafft das kein Musikstück dieser Welt.

Was ist also die Zukunft der Tonmeisterbranche, oder vielmehr, was die Zukunft ihres Inhalts? Wer genügend Fernseher, Stereoanlagen und Spülmaschinen gleichzeitig anschaltet, erhält schon heute Weisses Rauschen von hoher Qualität. Um diesem offensichtlichen Bedürfnis des modernen Musikhörers, so wie ich ihn aus meinen Leipziger Erfahrungen mir scheine vorstellen zu müssen, schneller und effektiver gerecht zu werden, sollte die Industrie Mittel und Wege finden, das Rauschen zum Zentrum der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Musik werden zu lassen. Inhalt ist nichts, Form ist alles; Für Musik bezahlt ohnehin niemand mehr, den Musiker bezahlt niemand mehr, es lebe das Übertragungsmedium!

Ähnliche Fragen werfen sich dem geneigten Denker natürlich auch auf, wenn er statt an die Musikproduktionsbranche an die Musikvertriebsbranche denkt, oder an die Konzertveranstalter… Aber das ist eine andere Geschichte und wird an einem anderen Tag erzählt.

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