Natürlicher Klang

Immer wieder läuft mir, in der Begegnung mit Hobbymusikern wie mit Profis der Musikproduktion, der Begriff vom “natürlichen Klang” über den Weg. Natürlichkeit scheint das Klangideal des klassischen Tonmeisters zu sein. Auf jedem Werbeblatt und jeder Internetseite klassisch spezialisierter Musikproduktionsfirmen findet man diesen Begriff, und nahezu jeder Tonmeister behauptet von sich, einen möglichst natürlichen Klang anzustreben.

Es ist spannend, sich verschiedene Aufnahmen anzuhören, die alle den Anspruch von natürlichem Klang haben. Die riesigen Unterschiede im hörbaren Klang weisen deutlich darauf hin, dass es sich hier um einen Begriff handelt, über den in der Praxis ebensowenig Konsens wie in der Werbesprache der Tonmeister Einigkeit herrscht. Alle reden vom Gleichen, während sie vollkommen unterschiedliche Dinge daraus schließen. Fragt man nun auch noch Nicht-Tonmeister nach ihrer Einschätzung der oben genannten Aufnahmen, kommt man vermutlich zu Aussagen, die sich nicht einmal mit den widersprüchlichen Sätzen der Tonmeister decken und damit selbst den professionellen Dissenz in Frage stellen.

Was meint der Mensch, wenn er von natürlichem Klang spricht? Der Musiker meint u.U. damit, sein Instrument auf der Aufnahme so zu hören, wie er es beim Spielen hört. Da die meisten Musiker beim Spielen im Verhältnis zu ihrem Instrument dort sitzen, wo kein Zuhörer freiwillig sich platzieren würde, stehen sie mit dieser Einschätzung meist vollkommen alleine da – selbst der Geiger nebenan möchte den Kontrabass nicht aus der Perspektive des Kontrabassisten hören.
Der engagierte Konzertbesucher assoziiert mit Natürlichkeit möglicherweise seinen Höreindruck aus den Konzertsälen und Kirchen, die er kennt – uneingedenk der Tatsache, dass er statistisch gesehen in den meisten seiner Konzerte an akustisch ziemlich ungeeigneten Stellen saß und in erster Linie von der Atmosphäre des Ortes, der Spannung des Live-Momentes und der Erscheinung der Sopranistin beeindruckt war. Dieses vollkommen subjektive Erleben entzieht sich also auch wieder jeder brauchbaren Übertragbarkeit in eine allgemeine Begriffsdefinition (sowie der Übertragbarkeit auf eine Tonaufnahme!).
Der Tonmeister schließlich betrachtet Natürlichkeit in vielen Fällen als ein Zustandekommen von klanglichen Parametern, von denen er (wo auch immer) gelernt hat, dass sie in der spezifischen Situation eben einen natürlichen Klang erschaffen. So hat die Aufnahme einer Violine im Konzertsaal eine bestimmte akustische Distanz zum Hörer, ein bestimmtes Maß an Hall und einen bestimmten Frequenzgang aufzuweisen, um als natürlich abgebildet gelten zu dürfen. Wem die entsprechende tonmeisterliche Vorbildung fehlt, dem bleibt das Verständnis zu diesem Zugang (zu recht!) oftmals verschlossen.

Nun stelle man sich einmal den Musiker, den Hörer und den Tonmeister vor, wie sie über die Natürlichkeit einer Aufnahme diskutieren. Natürlich ist dabei nur, dass sie niemals zu einer Einigung kommen werden. Ich halte diesen Begriff in diesem Zusammenhang für ziemlichen Bullshit. Der Klang einer CD-Aufnahme ist niemals natürlich. Die Bedeutung des Wortes hat ja nun mit Natur zu tun, also mit Ursprünglichkeit, mit einem nicht-verarbeiteten und unverfälschten Wesen der Dinge. Der Klang eines Wassertropfens, der in einen Teich fällt, ist möglicherweise natürlich. Eine Fotografie, eine Tonaufnahme, ein Gedicht, das den Tropfen beschreibt, kann unmöglich die Natürlichkeit des Wassertropfens haben. Sie kann sie beschreiben, sie kann den Vorgang zu einem bestimmten Zeitpunkt aus einem bestimmten Blick- und Verständniswinkel dokumentieren. Diese Dokumentation kann dann jemand anders, zu einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort, betrachten, hören oder lesen – dann geschieht aber etwas vollkommen Neues, der Moment des Sehens oder Hörens ist wieder natürlich, bezieht sich aber längst nicht mehr auf den Wassertropfen.

Eine CD-Aufnahme ist in diesem Sinne vergleichbar mit einer Fotografie, einem Bild oder Gedicht. Sie ist niemals das Ereignis, welches sie darstellt. Sie ist, in dem sie ein Ereignis aus einer bestimmten Perspektive darstellt, in dem Moment ihres Erklingens ein Kunstwerk, das ebenso wie die ursprünglich gespielte Musik nur in diesem Moment, nur für den anwesenden Hörer, nur an dem Ort ihres Erklingens den Anspruch von Natürlichkeit oder Authentizität haben kann. In diesem Sinne ist der Klang der Aufnahme, die Menge an hörbarem Hall, der Klang der Instrumente überhaupt nicht relevant für ihre Natürlichkeit. Für den Tonmeister und seine tägliche Arbeit ist das ein großer Befreiungsschlag: Natürlich ist jedenfalls nicht, wenn ich versuche, bestimmten Regeln zu folgen, auf bestimmte Meinungen zu hören oder mir bestimmte eigene Meinungen zu bilden, an die ich mich dann wiederum regelgleich halte. Natürlich ist, was ich tue. Natürlich ist, wie ich bin, wenn ich nicht versuche, anders zu sein – was auch immer das beinhaltet. Daher ist ein natürliches Klangbild, wenn man den Begriff als Solchen schon retten möchte, das, was entsteht, wenn ich eine Aufnahme mache, die nicht von externen Meinungen und Vorstellungen, welche nie zu der vorliegenden Situation entworfen wurden, belegt, blockiert und gefärbt ist. Hier trifft Tonmeisterei auf Freie Kunst. Die Erkenntnis, daß ein frei geschaffenes Werk eine um Welten höhere Künstlerische Relevanz hat als ein Werbeprospekt aus der Designagentur, ist im Bild- und Textbereich schon lange selbstverständlich. Im Bereich des Tonschaffens begegnet mir diesbezüglich immer wieder ein erschreckendes Unbewußtsein.

Die Vorstellung, mit einer CD-Aufnahme das Kunstwerk eines Musikers oder gar eines Komponisten unverfälscht (natürlich!) wiederzugeben, ist daher in jeder Hinsicht ein hoffnungsloses Unterfangen. Das Einzige, was eine CD-Aufnahme wiedergeben kann, ist die CD-Aufnahme selbst. Es gibt einen natürlichen Klang. Bloß wird der Hörer diesen auf der von ihm für teures Geld erworbenen Aufnahme grundsätzlich vergeblich suchen. Er kann ihn bloß erleben, wenn er sich von der Suche befreit, sich zurücklehnt und die Aufnahme auf seiner eigenen Stereoanlage, in seiner eigenen Wohnung, in seiner momentanen Gemütsverfassung, mitsamt dem um diese Uhrzeit üblichen Straßenlärm und mitsamt seiner gesamten persönlichenen Erfahrungen, Neigungen und Eigenschaften wahrnimmt. Hat er Glück und eine tatsächlich gute Aufnahme gekauft, wird dieser Moment für ihn zu einer Erfahrung, die seinen menschlichen Horizont erweitern und ihn für die Kunst und Magie von Klang und Musik weiter sensibilisieren kann. Dann hat er einen Schritt auf dem Weg zu sich selbst gemacht. Niemand kann Natürlichkeit festhalten. Man kann sie nur erfahren.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: