Musik ist ein Kompromiss

Ich war in einem Konzert für Alte Musik. Dass es Alte Musik gab, ist hier gar nicht so entscheidend. Es war auch gar kein schlechtes Konzert, jedenfalls würden die meisten Leute, die da waren, das nicht sagen, vermute ich. Sie haben nach den Stücken Beifall geklatscht, und niemand ist früher gegangen. Ich war mal auf einem Konzert, da waren die Musiker auf der Bühne sich so unsicher über das, was sie taten, dass es weder ihnen noch dem Publikum klar war, wann das Stück denn zu Ende sei. Da hat dann niemand geklatscht, und das würde ich als schlecht bezeichnen. Also schlecht war das Konzert nicht. Schlecht waren auch die Musiker nicht.

Mich beschäftigt es, wenn Menschen ihre Potentiale nicht sehen und nicht nutzen. Ich kenne so wenige Musiker, die mir den Eindruck vermitteln, dass sie auch nur den Hauch einer Ahnung davon haben, was sie eigentlich tun, wenn sie musizieren. Was ist denn Musizieren? Sicher nicht die Fingerbewegungen der Spielenden. Die Finger bewege ich auch, um diesen Text zu schreiben. Ist es das Hervorbringen von Tönen? Das schafft mein Teekessel auch. Das Begeistern von Publikum? Dann lieber ins Fußballstadion. Und wenn keiner dieser einzelnen Aspekte etwas mit Musik und Musizieren zu tun hat, wieso nennt man die Summe all dessen so sorglos “Musik” oder gar “Kunst”? Ist hier nicht wieder der Wunsch der Vater des Gedanken und der Begriff “Musik” ein Deckmantel für die Unfähigkeit des Musikers, sich Klarheit über Grund und Legitimation seines Tuns und Seins zu verschaffen?

Musik machen ist nicht so leicht, wie die meisten Musiker denken. Musik ist, wie oben erläutert, nicht etwas, was man tut, und schon gar nicht etwas, was sich einstellt, wenn man bestimmte Tasten drückt, Saiten zupft, Löcher zuhält oder hier und dort hineinbläst. Da stellt sich überhaupt nichts ein außer im allerbesten Fall nach einiger Zeit der Frust darüber, dass ich als Musiker nicht das zu erreichen scheine, was mir, als Kind und Träumender, vielleicht einmal vorschwebte, dass mein Tun vielleicht mit meinem Traum nicht das Geringste zu tun hat. Sofern ich den Traum je gehabt habe.

Mich schmerzt nicht, dass Musiker ihren Traum nicht erreichen. Das ist vollkommen natürlich und nicht zu ändern. Der Traum ist nie erreichbar. Musik in dieser Welt ist immer ein Kompromiss. Musik als das Phänomen, das uns bewegt, das uns eine numinose Ahnung von der Unvollständigkeit unseres Denkens, ja unserer ganzen Realität vermittelt, als das Phänomen, das einen Menschen in einer einzigen Begegnung dazu bewegen kann, sein ganzes Leben dem Nachspüren dieser Erfahrung zu widmen und damit Musiker zu werden – das kann ein Mensch nicht erschöpfend erfassen, und schon gar nicht erschöpfend darstellen. Wer von sich behauptet, eben dies zu tun, versucht damit in aller Regel bloß zu verbergen, wie wenig er von der Sache an sich verstanden hat. Aus Angst, von anderen falsch bewertet zu werden, bewertet er sich selbst falsch und stellt seine Selbstbewertung zur Schau. Hieraus spricht nie künstlerische Weisheit, aber oft Existenzangst.

Was mich schmerzt, ist die Erfahrung, dass den meisten Musikern diese Zusammenhänge gar nicht bewußt sind. Das Problem ist nicht, dass niemand das Ziel erreicht, sondern dass es niemand auch nur zu erreichen versucht. Der Sinn des Musizierens so wie der Sinn jeder menschlichen Entwicklung kann ja niemals im Ziel liegen, da das Ziel das Ende der Entwicklung ist. Das Ziel des Musizierens, und damit das (Lebens-) ziel des Musikers ist ein sehr Großes, sehr Schönes, und sehr Furchterregendes. Es ist so groß, dass es im Grunde noch kein Mensch auch nur zu beschreiben vermocht hat, und das ist auch gut so. Wir müssen es nicht beschreiben. Wir müssen nicht wissen, was es ist. Für unser Tun ist das völlig unerheblich. Bei mir selbst und bei Anderen stelle ich oft eine große Angst vor diesem Ziel fest. Die Angst rührt eben von der Unbeschreiblichkeit. Wir lassen uns nicht gern auf Dinge ein, die größer sind als unser Vorstellungsvermögen. Deshalb gibt es ja Religionen, um die Götter auf ein menschenfassbares Format zurecht zu stutzen. Statt sich mit den wirklichen Göttern auseinander zu setzen, schafft der Mensch lieber Götzen mit Bart und Bauch. Statt sich mit der wirklichen Musik auseinander zu setzen, schafft der Musiker sich lieber eigene Ziele und Ideale, die er mit verhältnismäßig geringem Aufwand erreichen und sich so von dem beunruhigenden Zwang nach der ewigen Suche befreien kann. Aber warum? Welche Angst liegt denn in diesem Handeln verborgen? Die Angst vor dem Versagen, oder vielmehr die Angst vor dem eigenen Potential? Warum schneiden wir uns von der strahlend-urgewaltigen Erfahrung des Wunders, das wir Musik nennen, ab und erschaffen unsere eigenen kleinen, überschaubaren, langweiligen Parallelwelten? Warum drücken wir diese selbstgebastelten Kartonwelten dann auch noch unserer Umwelt aufs Auge und nennen das “Konzert”, nehmen womöglich noch Geld dafür?

Das Ergebnis dieses Handelns jedenfalls kann leicht hinterfragt werden. Die Parallelwelt, die der Musiker sich schafft, ist nur von ihm selbst definiert und daher im Prinzip für niemand anders verständlich, höchstens zufällig. Sie ist auch nicht mit der Realität der Musik als grundlegend den Menschen betreffend verknüpft, und trifft auch diese höchstens zufällig. Diese zufälligen Momente nennen wir dann schon “magisch” und gehen beglückt nach Hause, wenn wir sie im Konzert wahrnehmen durften. Wie arm das doch ist. Durch seine fehlende Anbindung, letztendlich seine fehlende Ehrlichkeit wird der Musiker nie offen sein können für ursprüngliche Inspiration. Da er stets damit beschäftigt ist, den Karton seines Kunstverständnisses zusammen zu halten, kann er keinen Moment entspannen, nicht loslassen und gibt der Inspiration keine Chance, ihn zu durchfließen. Da er ständig auf die Noten blickt, kann er die Musik nicht sehen. Warum verschließt sich der Musiker so routiniert und selbstverständlich vor der größten und schönsten Inspirationquelle, die er hat? Warum nutzt er nicht das gewaltige Potential, das vor ihm ausgebreitet liegt, und vertraut stattdessen auf seine private Armseligkeit? Aus dieser Entscheidung entsteht Angstherrschaft. Der erste Fehler ist, sich zu verschließen. Der Zweite, sich den ersten Fehler nicht einzugestehen. So entwickelt sich eine Zwangsspirale von Ängsten, die stets ineinander greifen. Das Auflösen der Spirale wird immer schwerer. Hier vollzieht sich im Kleinen, was in der Politik im Großen geschieht. Eine Regierung, die auf dem Verneinen von Freiheit gegründet ist, kann sich nur durch Anwendung von Gewalt erhalten, und für die Legitimation der Gewalt ist wieder Gewalt nötig. So zerstört sie sich auf Dauer selbst. Das Gleiche macht der Musiker, der gegen sich selbst Gewalt anwendet, sich selbst gegenüber unehrlich ist.

Ich wünsche mir Musiker, die sich darüber im Klaren sind, daß sie nicht perfekt sind, und die vor dieser Erkenntnis keine Angst haben. Ich wünsche mir Menschen, die sich bewußt und mutig in den gewaltigen Strom von Emotionen und Erkenntnissen stellen, der von der Musik so unerschöpflich und wahnsinnig reichhaltig zur Verfügung gestellt wird. Dort ist der Platz eines ehrlichen Musikers, eines Menschen, der seine Aufgabe und sein Talent lebt. Von dort kann er seinem Publikum Schönes, Großes und Relevantes zukommen lassen, ohne sich je zu erschöpfen. Der Schritt durch den Vorhang der Unehrlichkeit vor uns selbst ist klein, und doch öffnet er eine neue Welt, die zugleich so alt ist, daß jeder sie unmittelbar und unzweifelhaft als wahr und gut annehmen kann. Diese Erfahrung wünsche ich den Menschen, die sich Musiker nennen, und dies ist, was ich Musizieren nenne.

2 Comments

Add yours →

  1. Warum schneiden wir uns von der strahlend-urgewaltigen Erfahrung des Wunders, das wir Musik nennen, ab und erschaffen unsere eigenen kleinen, überschaubaren, langweiligen Parallelwelten? Warum drücken wir diese selbstgebastelten Kartonwelten dann auch noch unserer Umwelt aufs Auge und nennen das „Konzert“, nehmen womöglich noch Geld dafür?

    Ein Interessanter Abschnitt, der grad meine besondere Aufmerksamkeit genossen hat.
    Das gute an den Kartonwelten ist, dass sie uns manchmal für kurze Zeit ein Zuhause geben, in dem wir zur Ruhe kommen können und dann von diesem Punkt aus neue Behausungen zu suchen und neue Standpunkte auszuprobieren. Es gibt da so einiges, dass aus der Vergangenheit unseren Blick trübt, sodass es nur langsam möglich ist, unsere Entwicklung voranzubringen. Immer wieder und ohne den Blick auf das Überleben zu vergessen. Ein Konzert ist somit nur die Präsentation des derzeitigen Standpunktes und dokumentiert nicht hinreichend die Entwicklung.
    Die Frage ist doch, ist es nur erlaubt, seinen Mitmenschen die Dinge auf die Augen und Ohren zu drücken, die bereits den Status “perfekt” erreicht haben oder ob es auch erlaubt ist, anderen menschen die eigene Entwicklung miterleben zu lassen.
    Für mich fasse ich deinen Absatz wie folgt zusammen:
    1. Es gibt ein großes Ziel, das nicht zu erreichen ist.
    2. Wenn man das Ziel noch nicht erreicht hat, ist es nicht angemessen, dafür Geld zu verlangen oder es der Öffentlichkeit zu präsentieren.

    Dabei bleibt die Frage, wo der richtige Zeitpunkt ist, um den Stand der Entwicklung auf einem Konzert der Öffentlichkeit zu präsentieren. Das Konzert kann doch, wenn man an Punkt 1 aus meiner kleinen Zusammenfassung denkt, nur eine Dokumentation des Nichtkönnens des Musikers sein oder anders ausgedrückt, die Dokumentation des bereits Erlernten. Die Gefühle und die Gedanken, mit denen man das Konzert verlässt sind wiederum die Dokumentation des eigenen Standpunktes.
    Eigentlich ist ein gescheitertes Konzert doch in diesem Sinne ein gutes, denn es zeigt, dass Entwicklung noch möglich ist.
    Wenn das Ziel also der Weg ist, auf dem man das nicht erreichbare Ziel erreicht, dann müssten Konzerte eigentlich viel teurer sein, denn sie zeigen, egal wie die Musiker scheitern, dass dieses Ziel erreicht wurde.

    • Der Schluß, den Du aus diesem Absatz ziehst, ist nicht der, den ich bewußt hineingelegt hatte – also kann es sein, daß Du ihn falsch verstanden, oder ich ihn falsch ausgedrückt habe.
      Die Kartonwelt, wie ich sie meine, ist nichts Unvollständiges. Sie ist nicht eine vorläufige Welt, kein Entwicklungsstand des Künstlers. Sie ist, und das versucht der Begriff Kartonwelt zu untermalen, eine Welt, die der Künstler um sich selbst herum baut, um sich selbst die Illusion einer perfekten Welt zu verschaffen und sich damit den Druck des Weitergehens und Entwickelns, der in der Regel auf ihm liegt (denn sonst wäre er kein Künstler geworden), von den Schultern zu nehmen.
      Die Kartonwelt ist dann keine Station auf dem Entwicklungsweg, sondern eine (illusorische) Endstation. Illusorisch aus der Sicht von außen, wo die Kartonwelt offenbar wird – von der Innensicht des Künstlers mag sie durchaus real sein, da diese Endstation ja nun mal das ist, wohin er auf seinem Weg gelangt ist, also aus seiner subjektiven Sicht quasi “das große Ziel”.

      Ich kritisiere also nicht, daß (noch-)nichtperfekte Künstler Geld für ihre Darbietungen verlangen. Ich kritisiere nur, wenn (aus Sicht des Beobachters) auf halbem Wege stehen gebliebene Künstler ihre subjektiv empfundene Perfektion und Endgültigkeit empfindenden Menschen als das eigentlich zu Erreichende zu verkaufen versuchen. Unglücklicherweise (für den empfindenden Menschen) sind Sie dabei überraschend (für den Beobachter) erfolgreich.

      Ein gescheitertes Konzert zeigt eventuell, daß Entwicklung noch möglich ist. Ein gelungenes Konzert zeigt das allerdings auch, um so mehr, wenn man, wie ich es in obigem Text getan habe, das Aufzeigen (oder Aufscheinen lassen) der Entwicklungsmöglichkeiten (sowohl des Künstlers wie des Zuhörers /-schauers) als Qualitätsmerkmal eines Konzertes definiert. Insofern halte ich hier kein Plädoyer für mißlungene Konzerte. So manches mißlungene Konzert hat mir als Hörer im Gegenteil sogar das Gefühl vermittelt, daß hier grade keine Entwicklung mehr möglich ist. Zusammengefaßt: Potential erkennt man eigentlich nicht im Scheitern, sondern im erfolgreichen Streben, welches natürlich immer auch Momente des Scheiterns beinhaltet.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: