Engels Liedt (oder: Wie man ein Gespenst in Stereo aufnimmt)

Gestern haben wir bei Carpe Diem eine neue CD veröffentlicht. Sie heißt “Engels Liedt” (mit “dt” am Ende!) und es spielt darauf der Blockflötist Gerald Stempfel. Was er spielt, sind im wesentlichen Werke von Jacob van Eyck, dem blinden niederländischen Glocken- und Flötenspieler, der von 1590 bis 1657 lebte und von der Stadt Utrecht angestellt wurde, auf dem Jankeerkshof (einem Friedhof) für die Spaziergänger und Passanten Flöte zu spielen.

Für mich ist das eine ganz wunderbare CD, und gleich aus mehreren Gründen, deswegen möchte ich das hier gerne mitteilen.

“Engels Liedt” entstand sehr spontan und in einer einzigen Aufnahme-Nacht in einer großen, wunderschönen Klosterkirche in einem kleinen, abgelegenen Dorf in Süddeutschland. Mit dem Soundcheck begannen wir in der Dämmerung des frühen Abends, und als der letzte Ton der Aufnahme verklang, war es draußen schon wieder hell. Wie von selbst und gleichzeitig vollkommen zufällig entstand durch die Dichte der Zeit, des Ortes und der Zusammenarbeit zwischen Gerald Stempfel, dem Flötisten, Johannes Wallbrecher, meinem Tonmeisterkollegen und mir eine Aufnahme, die nun in ihrem fertigen Zustand klingt wie geplant und von langer Hand konzipiert, obgleich das Gegenteil der Fall war.

Gerald Stempfel baut viele seiner Flöten selbst und hatte in jener Nacht ein ganzes Sammelsurium an Instrumenten in allen Größen, Formen und Farben dabei. Wir entschieden über das jeweils zum Stück passende Instrument spontan, wechselten manchmal mitten im Stück die Flöte und ließen uns dabei von der Musik, der Interpretation und unseren freien Assoziationen leiten. Gerald spielte in einer kleinen Seitenkapelle der Kirche, vor dem Sarkophag eines Ritters, der wohl der Ordensgründer des Kloster gewesen war. Als Beleuchtung diente eine Wachskerze auf dem steinernen Sarg. Wenige Meter um unseren Aufnahmeplatz herum versank die Kirche in tiefe Dunkelheit.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht waren wir mit der Aufnahme des Stückes “Engels Liedt” beschäftigt. Gerald versuchte, eine Intonationsschwäche seiner Flöte mit flüssigem Wachs zu beheben. Leider mißlang der Versuch, die Flöte wurde unspielbar. Spontan entschieden wir uns, das Stück auf der gleichen Flöte, allerdings nur mit Fingerklopfgeräuschen auf den Grifflöchern umzusetzen. Es entstand eine leicht morbide Umdeutung des Engelsliedes in einen klappernden Totentanz, der lebendige Atem des Flötentons wich dem fahlen, im wahrsten Sinne des Wortes hohlen Klang des gestorbenen Instruments. Der tote Ritter im Hintergrund komplettierte das Bild.
Dann war es kurz vor Mitternacht. Angeregt durch unsere okkultistischen Klangexperimente lag nichts näher, als nun auch die Mitternachtsglocken der einsamen Klosterkirche aufzunehmen.  Die letzten 5 Minuten vor dem Einsetzen der Glocke habe ich allein in der leeren Kirche verbracht. Von nächtlicher Stille allerdings keine Spur: In der dunkelsten Stunde der Nacht schien die Kirche plötzlich lebendig zu werden. Das Gebälk knackte hier und da, aus dunklen Ecken schien etwas zu rieseln, und auf der Treppe zur Empore, die im Finstern lag, wurden Geräusche wie rostige Schritte vernehmbar. Ob wir den alten Ritter mit unserer nekromantischen Tonmeisterei erweckt hatten, ob die Klostermäuse ihren traditionellen Mitternachtshokuspokus veranstalteten oder sich unsere Imaginationskraft bloß so ungehemmt entfaltet hatte, daß sie sich in der Realität des Ortes  manifestieren konnte, kann ich im Rückblick nicht mehr sagen. Jedenfalls existiert die Aufnahme dieser geschäftigen, wie von den Toten mit Leben (!) erfüllten 5 Minuten nach wie vor und belegt meine Eindrücke von damals erstaunlich deutlich.
Dann erklangen die Glocken, schlugen ihre zwölf Schläge und hinterließen eine vollkommene Stille, als hätten sie die aufgestaute, im Kirchenschiff angesammelte Energie mit ihren Schlägen zerteilt, aufgelöst und zu innerem Frieden zurückgebracht. Die körperlose Angst, die ich kurz zuvor noch wie einen Teppich, der sich über Steine, Holzbänke und Säulen zog, wahrnehmen konnte, verfloß, sickerte durch die Steinritzen davon und ließ eine fast pragmatisch anmutende, ereignislose Nachtstille zurück. Wir kehrten an die Arbeit zurück und nahmen das Stück noch einmal auf, diesmal mit einer anderen Flöte. Auf der CD haben wir sowohl beide Fassungen, als auch die Mitternachtsglocken und einige Sekunden der Geisterstimmung untergebracht.

Was ansonsten in dieser Nacht geschah, sollte man besser hören als lesen – erwähnenswert sind wohl noch eine ungeschnitte (!) 10-Minuten-Fassung der Lachrymae-Pavane, das schnellste Gemshorn der Welt und die erste Van Eyck – Interpretation auf Einhandflöte und Trommel.

In Erinnerung bleibt mir vor allem die Erkenntnis, daß die letztendliche Qualität einer Aufnahme, ihr Zauber und ihre Existenzwichtigkeit selten oder nie geplant, noch viel weniger erzwungen werden können. Hier zeigt sich die Tonmeisterei als Kunst im ursprünglichen Sinn: Als Magie des Augenblicks, die sich entfaltet und aufblüht, wenn wir aufhören, ihrem Wirken im Wege zu stehen, wenn wir unsere Intentionen und Vorstellungen zur Seite nehmen und der Inspiration, und sei es nur ein klein wenig, Platz schaffen. Vielleicht wird man durch solch eine Arbeit gläubig, woran auch immer. Wenn nur irgendjemand durch diese Aufnahme einen Funken der Wirklichkeit hinter unserer begrenzten menschlichen Vorstellungskraft aufblitzen zu sehen vermag, hat sich die Investition für mich schon gelohnt. Dann wird unsere Welt ein Stückchen besser und schöner, und dafür arbeite und lebe ich.

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