Über Klarheit

Was ist Klarheit? Unter klarem Wasser kann ich mir etwas vorstellen, und es ist eine schöne Vorstellung. Klare Luft ist gesund und macht wach, und klare Augen schaut man gerne an. Was ist klare Musik?

Der Otto-Normaltonmeister denkt bei dem Wort Klarheit vermutlich zuerst an gewissermaßen technische Parameter von Musikaufnahmen. Das hat ja mit der Musik noch gar nichts zu tun. Mich interessiert heute nicht so sehr die Klarheit an Musikaufnahmen, die sich über Jitterwerte, Verzerrungen und Klirrfaktoren sowie über raumakustische Parameter beschreiben läßt, sondern die Klarheit der Musik, die wir (also ich, jedenfalls) aufnehmen, selbst.

Das hat einen einfachen Grund: Nicht, weil ich mich für die technische Umsetzung einer technisch gelungenen Tonaufnahme nicht interessieren würde – im Gegenteil. Sondern weil die Klarheit der Musik die Grundvoraussetzung für eine Klarheit in der Tonaufnahme darstellt. Das ist ja eine schlichte Erkenntnis, so wie die Grundvoraussetzung für ein gelungenes Farbfoto ist, daß da auch Farben zum Fotografieren sind.

Was ist nun Klarheit in der Musik? Das ist mir selbst sowie, den CD-Aufnahmen, die ich so höre, folgend, auch vielen Anderen, oft nicht sehr klar. Und genau diese Feststellung führt schon auf eine brauchbare Fährte: Ist denn dem Musiker, wie er dort so sitzt und musiziert, während wir so sitzen und ihn aufnehmen, eigentlich klar, was er da tut? Was tut er denn da? Spielt er Noten von einem Notenblatt, oder improvisiert, oder verziert, oder spielt einfach? Warum tut er das? Was ist ihm so wichtig, daß er die Mühe auf sich nimmt, ein Werk (oder gleich mehrere) einzustudieren, zu üben, zu proben, sich damit auseinanderzusetzen?

Manche (oder auch viele, das ist wohl ein klassischer Fall für die sog. Dunkelziffer, die wiederum nichts oder nur wenig mit dem Generalbassspiel zu tun hat) Musiker spielen eine CD ein, weil sie berühmt und erfolgreich werden möchten. Das ist ja an sich auch legitim und schön. Ich finde, jeder hat das Recht, berühmt und erfolgreich zu werden. Schade finde ich daran, dass die wenigsten Musiker, die aus diesem Grund CDs einspielen, das auch anderen gegenüber so darstellen. Man scheint sich dafür zu schämen. Das ist schon seltsam. Da tut ein Musiker etwas, was (zumindest unter Musikern) im Grunde jeder tut – denn schließlich lebt (Zur Zeit wohl eher: stirbt) eine ganze Industrie davon – , und redet sich lieber mit fadenscheinigen, wenn auch oft gut klingenden Argumenten um Kopf und Kragen, anstatt auszusprechen, was sowieso jeder weiß. Ich versuche ja auch nicht, wenn ich dringend zur Toilette muß, meinen Mitmenschen zu erklären daß ich da nur hin will um die Glühbirne auszuwechseln.
Mindestens ebenso durchsichtig (und im Grunde ebenso amüsant) sind manche Versuche von Musikern, die ich erlebt habe, ihre CD-Einspielung mit tiefen künstlerischen Einsichten, neuartigen Interpretationsansätzen, ungehörter Virtuosität oder dergleichen Argumenten zu verteidigen, die großteils nicht nur wirken, als seien sie aus der Marketingabteilung einer großen deutschen Plattenfirma mit Sitz in Hamburg entliehen, sondern das auch tatsächlich sind.

Zurück zum Thema: Wie soll man sich bei dieser psychischen Diskongruenz der künstlerischen Ziele (d.h. also: der Ziele des Künstlers!) denn eine Klarheit in der musikalischen Interpretation oder besser gesagt Wiedergabe vorstellen? Ich mag es, wenn Menschen ehrlich sind, und ich mag auch ehrliche Musiker. Ich möchte als Tonmeister nicht etwas aufnehmen, von dem ich schon weiß, daß es nicht das ist, was es vorgibt zu sein. Das ist überhaupt nicht interessant. Mich interessiert das, was ist, denn etwas anderes gibt es nicht. Mit dieser Einstellung bin ich schon öfter, als man das vielleicht erwarten würde, mit Musikern richtiggehend aneinander geraten. Es ist erstaunlich, wie viele Musiker im Grunde gar nicht möchten, daß man sie auf einer CD hört. Sie wollen, daß dort etwas erklingt, von dem sie gerne hätten, daß sie es wären. Das tut es aber nicht. Um diesen Widerspruch aufzulösen oder wenigstens zu mildern, gibt es inzwischen eine ganze Reihe von teils beeindruckenden tontechnischen Werkzeugen, deren Herstellung und Verwendung unter dem Begriff “Postproduction” auch schon wieder eine ganze Industrie erschaffen hat (und die stirbt nicht!). Hier geht es also nicht um das Erreichen eines künstlerischen Zieles, sondern um das Schaffen einer Kompromisslösung zwischen dem Ego und dem Selbst des Künstlers. Da das Selbst des Künstlers den meisten Menschen (einschließlich des Künstlers selbst) natürlich noch viel weniger bekannt ist als sein Ego, kann mit diesem Kompromiss, der irgendetwas völlig Abstraktes und praktisch eigentlich Unbrauchbares darstellt, welches weder den Künster noch seine Idee von sich selbst darstellen kann, leider niemand wirklich etwas anfangen. Trotzdem ist dieser Kompromiss das, was wir in aller Regel hören, wenn wir das Radio einschalten oder eine CD einlegen. Wir bezahlen sogar Geld dafür. Ob das gut angelegt ist?

Klarheit in der Musik beginnt mit der Klarheit des Musikers beginnt mit der Klarheit des Menschen über sich selbst. Wo diese Anforderung nicht gegeben ist, wird man niemals eine CD-Aufnahme zustande bringen, die den Titel “Klar” wirklich verdient. Letztendlich habe ich den Eindruck, daß daran die Plattenindustrie auch krankt: So blöd ist der Konsument auf Dauer und in der gesellschaftlichen Breite eben doch nicht, daß er sich Geschichten verkaufen läßt, die nichts erzählen, Bilder, die nichts zeigen und Töne, die nichts bedeuten. Ein Ton der etwas be-deutet ist ja ein Ton, der eine Deutung auf eine Sache legt, der also einen Sachverhalt erklärt oder erläutert. Was aber soll er deuten, wenn die Sache, die er bedeutet, nur der Versuch des Musikers ist, etwas zu sein was er gerne wäre aber nicht ist? Und wer soll das bitteschön kaufen und wieso?

Ich freue mich über jede bedeutsame CD, die ich in den Händen halte. Immer mal wieder tauchen solche kleinen Edelsteine auf. Edelsteine sind ja auch klar. Das macht sie so wertvoll. Es ist so leicht, wertvolle Musik zu schaffen. Der Musiker bräuchte nur seine Angst vor sich selbst abzulegen, seine Angst davor, zu sein, wie er ist. Klarheit stellt sich ganz von alleine ein, wenn wir sie geschehen lassen. Wir müssen dafür nichts tun, nur unterlassen, uns selbst im Weg zu stehen. – Es gibt sie ja doch, die bedeutsamen Töne, die Musiker, die Geschichten erzählen und Bilder malen, die klaren und wertvollen Momente. Was für ein Glück.

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