Ein Plädoyer für Fehler

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Gestern hatte ich ein interessantes Gespräch über das Fehlermachen. Eigentlich war es eher ein Monolog von meiner Seite, wie ich im Nachhinein glaube, trotzdem hat es mich zum Nachdenken darüber gebracht, was eigentlich Fehler für Musiker und für Tonmeister bedeuten und warum wir so dermaßen darauf bedacht sind, sie zu vermeiden, auszumerzen und zu beklagen. Ich frage mich, wie oft wohl schon unbedarfte Zuhörer aus einem Gespräch über Fehler zwischen Musikern darauf geschlossen haben, daß es sich hierbei um eine höchst ansteckende und tödliche Krankheit handelt, die zum Wohle der Menschheit ausgerottet gehört. Woher stammt der Fehlerhass des Musikers, und was hat der Tomeister damit zu tun?

Als (westliche, das sei hier vorausgesetzt) Musiker lernen wir quasi von Beginn unserer Ausbildung an, dass Fehler schlecht und zu vermeiden sind. Ein wichtiges Ziel unserer Entwicklug besteht darin, so weit wie möglich fehlerfrei zu spielen. Dabei wird selten darüber gesprochen, was ein Fehler eigentlich ist. Indem der Musiker nun beginnt, einen Aspekt seines Tuns zu vermeiden, von dem er noch nicht einmal weiss, was er bedeutet, entwickelt er dem “Fehler an sich” gegenüber einen tiefen Hass, der in manchen Punkten fast rassistischem Gebaren bzw. Fremdenhass vergleichbar ist: Etwas, was wir nicht verstehen, was wir nicht bei uns haben wollen, was etwas anderes tut oder aussagt als wir erwarten oder anders klingt als wir erwarten, was mich verunsichert und in Frage stellt, wird mit unbarmherziger Konsequenz verfolgt, eingekreist (“Diese Stelle wars!”) und liquidiert (“jetzt läuft’s aber”).

Fehler sind kreative Äußerungen unseres Geistes, die wir als Musiker und Tonmeister gewohnheitsmäßig unterdrücken und verneinen. Wenn ein Fehler geschieht, passiert etwas, was ich mit meinem bewußten Verstand nicht vorausgeplant hatte. Der Fehler, den der Musiker in seinen Fingern, der Tonmeister in seiner Partitur zu eliminieren sucht, entsteht und existiert nur in seinem Geist. Das macht das “Üben” ja so beschwerlich, da es meist an der vollkommen verkehrten Stelle ansetzt. Ein Fehler ist eine Diskongruenz meiner Gedanken. Wenn ich ein “c” spielen will, werde ich das zweifellos auch tun, außer in meinem Geist besteht unbewußt auch die Option, ein “cis” zu spielen. Allein, dass ich das “cis” spiele, beweist, dass die Option da war, denn ohne die geistige Anweisung hätte der Finger überhaupt keinen Ton gespielt. Insofern ist ein Fehler einfach “etwas anderes”. Hätte ich zu dem “cis” eine andere Einstellung, würde ich also z.B. diesen Ton gespielt haben wollen, so wäre es plötzlich kein “Fehler” mehr. Der Fehler entsteht in der Bewertung und Einordnung durch den Hörer.

Warum machen Menschen Fehler? Sicher nicht, weil sie blöd sind und die Dinge nicht besser hinkriegen. Ein Kleinkind, das sich nicht traut, Fehler zu machen, würde vollkommen verkümmern und sich niemals zu einem erwachsenen Menschen entwickeln. Fehler sind unbedingt notwendig für jede Form von Entwicklung. Sie sind kreative Äußerungen unseres Geistes, die uns darauf aufmerksam machen, dass es ein Leben außerhalb unserer selbst produzierten Wertvorstellungen gibt, und die uns neue Möglichkeiten aufzeigen, unser Selbst weiter zu entwickeln, zu verändern und zu hinterfragen. Wenn nun dem Kind die Fehler, die es durchlebt, solch ein Segen sind, weshalb stehen Musiker, denen der Gedanke von Entwicklung, Verbesserung und Perfektionierung ja sehr nahe zu liegen scheint, diesem Phänomen so kritisch gegenüber? Sägen sie damit nicht den Ast ab, auf dem sie üben, wenn ich das mal so sagen darf?

Die eingangs erwähnte Angst ist im Grunde nicht die Angst vor dem Fehler, vor dem Versagen oder Nichtkönnen, sondern die Angst vor dem eigenen Potential, vor dem kreativen Können und den unbegrenzten Möglichkeiten, die jeder einzelne Musiker in sich trägt. Wir wollen oft gar nicht wissen, was wir alles können, über das wir uns gar nicht bewußt sind. Wir wollen die kreative Tiefe unseres Geistes gar nicht ausschöpfen, in der Angst, unsere bisherigen Standpunkte dadurch zu verlieren, die Anerkennung für das bisher Produzierte zu verlieren, vielleicht sogar die Motivationen und Begründungen für unser Tun, die wir uns selbst langwierig und mühsam geschaffen haben, zu verlieren. Wir bleiben lieber in der kleinen Welt, die wir kennen, geben uns damit zufrieden, dass das, was wir tun, zumindest so weit funktioniert, dass niemand uns dafür mehr bestraft als wir meinen aushalten zu können.

Nun kommt der Tonmeister bzw. “künstlerische Aufnahmeleiter” ins Spiel. Die Aufgabe des Aufnahmeleiters ist es, in enger Zusammenarbeit mit dem Musiker eine fehlerfreie Aufnahme eines musikalischen Werkes herzustellen. So habe ich es gelernt. Der innere Widerspruch dieses Satzes wird eigentlich sofort klar, wenn man ihn auf sich wirken lässt. Der Tonmeister ist üblicherweise gewissermaßen eine weitere künstlerische Instanz (nach dem Musiker selbst), die die korrekte Ausführung des Musikwerks überwacht und leitet. Nun ist also nicht nur der Musiker, wie oben beschrieben, damit beschäftigt, die Musik, die grade im Entstehen begriffen ist, nach seinen eigenen begrenzten Vorstellungen zurecht zu stutzen und ihren spontanen kreativen Auswegen Riegel vorzuschieben, sondern außerdem der Tonmeister, der seine eigenen Begrenzungen und erlernten Wertvorstellungen mit ins Spiel bringt. So entstehen schön verpackte, größtenteils harmlose, kantenfreie Pseudo-Kunstwerke, die in erster Linie die geistigen Begrenzungen aller Mitwirkenden und höchstens in zweiter Linie die Musik darzustellen vermögen und damit im Sinne des eigentlich beabsichtigten Werks nicht relevant sind.

Was ist denn eine “fehlerfreie Aufnahme”? Wenn eine Aufnahme, also z.B. eine Musik-CD, eine bestimmte künstlerische Aussage transportieren will, dann ist jede andere Aussage, die mit transportiert wird und die erste Aussage verdrängt, offensichtlich fehl am Platze. Dann ist sie ein “Fehler”. Dann ist die Tendenz von Musiker und Tonmeister, “Fehler” zu eliminieren, selbst ein “Fehler”. Fehler zu eliminieren, trägt nicht zur Verbesserung einer Aufnahme bei. Dazu beitragen kann nur das Loslassen von der Fehlerfixiertheit. Wer der Lebendigkeit musikalischen Ausdrucks keinen Freiraum anbietet, braucht sich nicht wundern, wenn selbige sich nicht zeigt. Da Fehler wie oben beschrieben in diesem Sinne Diskongruenzen des musikalischen Geistes sind, liegt die “richtige” Fassung der musikalischen Idee vollständig und vollkommen vor – sie wird nur von einem nicht vollkommen klaren Geist immer wieder verunklart.

Wo finden wir also das “perfekte” Kunstwerk? Ist das etwas, das ein Künstler überhaupt je realisieren, manifestieren kann? Oder steht dieser Anspruch dem Erreichen des Ziels vielmehr im Weg? Ist die “perfekte Aufführung” nur eine Art Vektor, eine Richtung, in die wir uns als Künstler bewegen, und das, was wir auf diesem Weg erleben, verarbeiten und von uns geben, spiegelt unsere Reise, unsere Entwicklung, letzendlich unser Künstler- und Menschsein wieder? Und wenn sich ein Hörer, Leser, Betrachter unserer Kunst in diesem sich ent-wickelnden Menschsein spiegeln kann, sich selbst erleben und in Relation zu dem immanenten Vektor der perfekten Idee stellen kann, hat dann unsere Kunst nicht einen großartigen Dienst getan?

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