Mein eigener Weg

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Meine erste Begegnung mit der Alexandertechnik hatte ich 2005. Ich studierte als Hauptfach klassische Gitarre, und hatte mir vom vielen angestrengten Üben eine Sehnenscheidenentzündung an beiden Handgelenken zugezogen, die auch nach monatelangen Therapieversuchen verschiedener Ärzte und Therapeuten sich nicht verbessern wollte. Als ich schließlich kurz davor war, mein Studium abzubrechen (ich konnte ja nicht mehr spielen!), stieß ich auf eine Ankündigung zu einem Wochenendseminar “Alexander-Technik” in der Hochschule. Ich hatte keine Ahnung, was das sei, beschloß aber, ein Versuch könnte in meiner Situation kaum mehr schaden und ging hin.

Am Montag nach besagtem Wochenende setze ich mich versuchshalber mit der Gitarre hin, die ich bis dahin schmerzbedingt nicht mehr als 5 Minuten täglich spielen konnte. Ich spielte etwa eine halbe Stunde, ohne daß irgend ein Schmerz auftauchte. Von dem Tag an verschwand die Entzündung und tauchte bis dato nie wieder auf.

Was war hier geschehen? Auch wenn es fast so klingt, geschah keine “Wunderheilung”. Ich wurde mir ganz schlicht darüber bewußt, welche mir unbewußten Spannungen ich jedesmal in meinen Armen und Schultern aufbaute, wenn ich ansetzte, Gitarre zu spielen (oder irgendeine andere Tätigkeit mit meinen Händen auszuführen). Diese Spannung führte beim konzentrierten Üben des Instruments auf Dauer zu einer pathogenen Überbelastung von im Grunde völlig gesundem Gewebe. Da ich diese unbewußten Muster meiner Arme und Schultern auch beibehielt, wenn ich nicht übte, sondern z.B. einen Koffer trug, eine Tasse Tee nahm oder mit einem Stift schrieb, trug auch das Unterbrechen des Spielens nicht viel zur Linderung bei. In dem Moment, wo ich mir des unbewußten Anspannens bewußt wurde, konnte ich es willentlich loslassen und damit eine “normale” Balance der Körperkräfte wiederherstellen.

Mein Problem hatte ich also “gelöst” und konnte mein Studium wieder fortsetzen. Trotzdem nahm ich im Laufe der nächsten Jahre regelmäßig Alexandertechnik-Einzelunterricht, selbst nachdem ich das Studium abgeschlossen hatte. Warum?

Diese eindrückliche Erfahrung war für mich nur der Einstieg in einen faszinierenden Weg, der sich bis heute fortsetzt und immer weiter entwickelt. Nachdem ich die unbewußten Muster meiner Schulter erkannt hatte (Das Muster war: Ich zog die Schultern hoch und nach innen, selbst wenn ich glaubte und spürte, daß ich sie entspannte bzw. “normal” hielt), erkannte ich, daß mein ganzer Körper, ja mein ganzes Wesen voller derartige unbewußter Muster und Strukturen war. Ferner erkannte ich, daß ich damit kein Einzelfall war, sondern in bester Gellschaft praktisch aller Menschen um mich herum. So begann ich, nach und nach an diesen Mustern zu arbeiten und sie mir bewußter zu machen – ein nie abzuschließendes, mich aber bereicherndes und beglückendes Unterfangen.

Über die Jahre verstand ich, daß meine Arbeit als Tonmeister und mein Interesse an der Alexandertechnik kein Widerspruch sind. Auch als Tonmeister suche ich bei der Arbeit mit Musikern nach solchen unbewußten Mustern. Vielleicht denkt der Musiker, er drücke mit dieser oder jener musikalischen Geste etwas Bestimmtes aus, aber vielleicht kommt das beim Hörer ganz anders an? Wie bewußt kann sich ein ausführender Musiker über das sein was er tut, und wie viel von dem, was er glaubt zu tun, tut er tatsächlich? So gingen meine Erfahrungen in der Musik wie in meinem eigenen Leben Hand in Hand.

Im Jahr 2013 zog ich nach Berlin und begann die dreijährige Ausbildung zum Lehrer der Alexandertechnik in der Schule von Dan Armon, die ich 2016 abschloß. Und wieder ist das kein Abschluß, kein Fertigsein. Wohin es von hier aus geht, ist wieder offen. Zur Zeit befinde ich mich in einer Postgraduate-Ausbildung in Visionärer Craniosacraler Körperarbeit bei Hugh Milne.

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